Graue Literatur sind Publikationen außerhalb des regulären Verlagswesens ohne externes Peer-Review — Behördenberichte, Working Paper, Dissertationen, Normen, Marktstudien, Konferenzbeiträge und Preprints. Sie ist zitierfähig, wenn Urheberschaft, Erscheinungsjahr und dauerhafte Auffindbarkeit belegbar sind.
Wer eine empirische Abschlussarbeit schreibt, kommt an grauer Literatur nicht vorbei: Die aktuellsten Zahlen stehen im Statistikbericht einer Behörde, das relevante Regelwerk in einer DIN-Norm, der frischeste Forschungsstand in einem Working Paper. Genau diese Quellen sind aber in keinem Zitierleitfaden ausführlich behandelt — die Standardbeispiele decken Buch, Sammelbandbeitrag und Zeitschriftenartikel ab. Dieser Beitrag schließt die Lücke: sieben Typen grauer Literatur, ihre Belegformate in APA 7, Harvard und DIN ISO 690 — und der Qualitätscheck davor.
Was zählt als graue Literatur — und was nicht?
Die gängige Arbeitsdefinition stellt auf den Publikationsweg ab: Graue Literatur wird von Institutionen, Behörden, Unternehmen oder Hochschulen selbst herausgegeben und nicht über den Buchhandel vertrieben. Ein Verlags-ISBN fehlt in der Regel; ein externes Begutachtungsverfahren hat nicht stattgefunden.
Daraus folgt die wichtigste Abgrenzung: Graue Literatur und Internetquellen sind nicht dasselbe. Graue Literatur ist über den Publikationsweg definiert, eine Internetquelle über das Trägermedium. Ein gedruckter Verbandsbericht bleibt graue Literatur, obwohl er nicht online steht. Ein begutachteter Zeitschriftenartikel mit DOI ist online abrufbar, aber gerade keine graue Literatur. Für rein netzbasierte Quellen wie Webseiten und Online-Artikel gelten die Regeln aus dem Beitrag zu Internetquellen zitieren.
Wann ist graue Literatur zitierfähig?
Zitierfähigkeit entscheidet sich nicht am Etikett „grau“, sondern an vier Prüffragen. Erst wenn alle vier positiv beantwortet sind, gehört die Quelle in dein Literaturverzeichnis.
- Urheberschaft: Ist eine Person oder eine identifizierbare Körperschaft als Herausgeber genannt? Ein PDF ohne Impressum fällt durch.
- Datum: Ist ein Erscheinungs- oder Redaktionsdatum angegeben? „o. J.“ ist bei Zahlenmaterial praktisch immer ein Ausschlusskriterium.
- Zweck: Verfolgt die Quelle einen Informations- oder einen Werbezweck? Eine Studie, die ein Anbieter über sein eigenes Produkt veröffentlicht, ist als Interessenquelle zu kennzeichnen — zitierbar, aber nicht als neutraler Beleg.
- Belegbarkeit: Ist ein persistenter Identifikator (DOI, URN, Handle) oder wenigstens eine stabile URL mit Abrufdatum vorhanden?
Als Faustregel für den Aufbau der Arbeit gilt: Der theoretische Rahmen ruht überwiegend auf begutachteter Literatur, während graue Quellen bei Zahlen, Rechtsnormen, Marktdaten und Praxisbezug führend sein dürfen — dort sind sie häufig sogar die Primärquelle. Wie sich diese Rollenverteilung grundsätzlich begründet, behandelt der Beitrag zum Unterschied zwischen Primär- und Sekundärliteratur.
Die sieben Typen grauer Literatur im Überblick

| Typ | Pflichtangaben über den Standard hinaus | Typische Fundorte |
|---|---|---|
| Behörden- und Ministerialbericht | Körperschaft als Autor, Berichtsreihe, Berichtsnummer | Destatis, Eurostat, BMBF, Statistik Austria, BFS |
| Working Paper / Arbeitspapier | Reihenname und laufende Nummer, herausgebendes Institut | SSRN, RePEc/EconStor, ZEW, DIW, IZA |
| Dissertation / Habilitation | Hochschule, Hochschulschriftenvermerk, Jahr der Annahme | DNB, OPUS-Repositorien, DissOnline |
| Technische Norm | Normbezeichnung mit Ausgabedatum, Herausgeber | Beuth, DIN, ISO, ÖNORM, SNV |
| Marktstudie / Branchenreport | Auftraggeber, Erhebungszeitraum, Methodenhinweis | Bitkom, Statista, Verbände, Beratungshäuser |
| Konferenzbeitrag ohne Proceedings-Band | Veranstaltung, Ort, Datum, Vortragsform | Tagungswebseiten, Repositorien |
| Preprint | Preprint-Server, DOI, ausdrückliche Kennzeichnung | arXiv, SSRN, medRxiv, PsyArXiv |
Belegbeispiele nach Zitierstil
Behörden- und Institutionenbericht
APA 7: Statistisches Bundesamt. (2025). Personal an Hochschulen 2024 (Fachserie 11, Reihe 4.4). Destatis.
Im Text: (Statistisches Bundesamt, 2025) — bei erstmaliger Nennung Körperschaft ausschreiben, danach Kürzel möglich: (Destatis, 2025).
Harvard: Statistisches Bundesamt (2025) Personal an Hochschulen 2024. Wiesbaden: Destatis.
DIN ISO 690: STATISTISCHES BUNDESAMT, 2025. Personal an Hochschulen 2024. Wiesbaden: Destatis. Fachserie 11, Reihe 4.4.
Praxishinweis: Wenn du eine konkrete Zahl übernimmst — etwa die rund 52.100 Professorinnen und Professoren, die Destatis für Ende 2024 ausweist —, gehört die Tabellen- oder Seitenangabe in den Kurzbeleg, nicht nur der Bericht als Ganzes.
Working Paper
APA 7: Nachname, V. (2025). Titel des Arbeitspapiers (IZA Discussion Paper No. 17842). Institute of Labor Economics. https://doi.org/…
Harvard: Nachname, V. (2025) Titel des Arbeitspapiers. IZA Discussion Paper 17842. Bonn: IZA.
Reihenname und Nummer sind hier keine Kür, sondern das eigentliche Identifikationsmerkmal — Working Paper erscheinen häufig in mehreren Fassungen unter identischem Titel. Prüfe vor Abgabe, ob inzwischen eine begutachtete Zeitschriftenfassung vorliegt; dann ist diese zu zitieren.
Dissertation
APA 7: Nachname, V. (2024). Titel der Arbeit [Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München]. Open Access LMU. https://…
DIN ISO 690: NACHNAME, Vorname, 2024. Titel der Arbeit. Dissertation. München: Ludwig-Maximilians-Universität.
Der Hochschulschriftenvermerk (Art der Arbeit, Hochschule, Jahr) ist Pflicht. Bei Verlagsdissertationen mit ISBN entfällt die Kategorie graue Literatur — dann zitierst du das Buch.
Technische Norm

Alle Stile: DIN ISO 690:2013-10. Information und Dokumentation – Richtlinien für Titelangaben und Zitierung von Informationsressourcen. Berlin: Beuth.
Normen werden über ihre Bezeichnung identifiziert, nicht über eine Person, und stehen im Literaturverzeichnis unter dem Normkürzel. Das Ausgabedatum nach dem Doppelpunkt ist zwingend — Normen werden regelmäßig zurückgezogen und ersetzt, und eine Quellenangabe ohne Ausgabestand ist wertlos. In technischen Fächern führen viele Hochschulen ein separates Normenverzeichnis; prüfe die Vorgabe deines Instituts.
Preprint
APA 7: Nachname, V. (2026). Titel des Beitrags [Preprint]. arXiv. https://doi.org/10.48550/arXiv.…
Die Kennzeichnung als Preprint ist kein Formalismus, sondern eine inhaltliche Information: Sie signalisiert, dass keine Begutachtung stattgefunden hat. Wer sie weglässt, erweckt den Eindruck einer geprüften Quelle — das wird in der Bewertung als Zitierfehler gewertet.
Die vier häufigsten Fehler beim Zitieren grauer Literatur
| Fehler | Warum problematisch | Korrektur |
|---|---|---|
| Körperschaft als „Autor unbekannt“ geführt | Der Beleg wird alphabetisch unauffindbar | Herausgebende Institution als Urheber ansetzen |
| Normen ohne Ausgabedatum | Ersetzte Norm nicht von gültiger unterscheidbar | Normbezeichnung stets mit Ausgabestand |
| Datenportal statt Primärquelle zitiert | Aggregatoren geben Zahlen ohne Erhebungskontext wieder | Auf die im Portal genannte Originalquelle zurückgehen |
| Working Paper zitiert, obwohl Artikelfassung existiert | Zahlen und Schlussfolgerungen weichen oft ab | Vor Abgabe auf publizierte Fassung prüfen |
Häufige Fragen zum Zitieren grauer Literatur
Was ist graue Literatur?
Publikationen, die nicht über den regulären Buch- und Zeitschriftenhandel erscheinen und kein externes Peer-Review durchlaufen haben: Behörden- und Verbandsberichte, Working Paper, Dissertationen, Normen, Marktstudien, Konferenzbeiträge und Preprints.
Darf man graue Literatur in der Bachelorarbeit zitieren?
Ja, sofern die Quelle nachprüfbar ist und ihre Funktion zur Argumentation passt. Amtliche Statistiken, Normen und Behördenberichte sind für Zahlen und Regelwerke oft die Primärquelle und begutachteter Literatur vorzuziehen.
Wie zitiert man eine DIN-Norm?
Über die Normbezeichnung mit Ausgabedatum, gefolgt von Titel und Herausgeber: DIN ISO 690:2013-10. Information und Dokumentation – Richtlinien für Titelangaben und Zitierung von Informationsressourcen. Berlin: Beuth. Im Text genügt die Kurzform mit Ausgabestand.
Wie zitiert man einen Preprint?
Mit ausdrücklicher Kennzeichnung als Preprint, Angabe des Servers und der DOI. Erscheint später die begutachtete Fassung, ist diese zu zitieren und der Preprint zu ersetzen.
Was ist der Unterschied zwischen grauer Literatur und Internetquellen?
Graue Literatur ist über den Publikationsweg definiert, eine Internetquelle über das Trägermedium. Ein gedruckter Behördenbericht bleibt graue Literatur; ein begutachteter Artikel mit DOI ist online abrufbar, aber nicht grau.
Wie viele graue Quellen sind in einer Abschlussarbeit vertretbar?
Eine feste Quote gibt es nicht. Der theoretische Rahmen sollte überwiegend auf begutachteter Literatur beruhen, während graue Quellen bei Zahlen, Rechtsnormen und Praxisbezug dominieren dürfen — sofern jede den Qualitätscheck aus Urheberschaft, Datum, Zweck und Belegbarkeit besteht.
