,

Interviews in MAXQDA kodieren 2026: Von der Transkriptdatei zum Kategoriensystem

Die Transkripte sind fertig, die Lizenz ist installiert — und dann steht man vor einem leeren Projekt und weiss nicht, wo der erste Klick hingehört. Dieser Beitrag geht den Weg vom importierten Transkript bis zur Tabelle im Ergebniskapitel in sechs Schritten durch, so wie er in einer Bachelor- oder Masterarbeit tatsächlich abläuft.

Kurze Antwort: Transkripte mit Absatznummerierung importieren, Fallmerkmale als Dokumentvariablen anlegen, das Codesystem zuerst deduktiv aus dem Leitfaden aufbauen und dann induktiv ergänzen, Segmente per Drag-and-drop oder Tastenkürzel kodieren, jede Kodierentscheidung in einem Memo festhalten und die Auswertung über die Liste der codierten Segmente, den Code-Matrix-Browser und das Summary Grid führen. Die Methode liefert dabei nicht die Software, sondern dein Auswertungsverfahren.

Vorher: Was im Transkript stimmen muss

Drei Dinge lassen sich nach dem Import nur mühsam nachholen.

Absatznummerierung. MAXQDA vergibt beim Import automatisch Absatznummern, und genau diese Nummern zitierst du später im Ergebniskapitel («B3, Abs. 47»). Vermeide deshalb harte Zeilenumbrüche innerhalb eines Redebeitrags — jeder Umbruch erzeugt einen neuen Absatz und macht deine Fundstellen unnötig kleinteilig. Bei Audiotranskripten mit Zeitmarken bleiben diese erhalten und lassen sich mit der Originalaufnahme verknüpfen.

Sprecherkennzeichnung. Schreibe Sprecherkürzel einheitlich und immer am Absatzanfang («I:» für Interviewende, «B1:» für die befragte Person). MAXQDA kann daraus automatisch Sprecherbeiträge erkennen und getrennt kodieren; uneinheitliche Kürzel machen diese Funktion unbrauchbar.

Anonymisierung. Namen, Arbeitgeber, Ortschaften und andere identifizierende Angaben werden vor dem Import ersetzt, nicht danach. Was dabei rechtlich zu beachten ist und wie die Einwilligung dazu aussehen muss, steht im Beitrag zu Datenschutz, Einwilligung und Ethikvotum. Die Transkriptionsregeln selbst — wörtlich oder geglättet, mit oder ohne Pausen — behandelt der Beitrag zum Transkribieren von Interviews.

Schritt 1: Projekt anlegen und importieren

Nach dem Start legst du ein neues Projekt an; MAXQDA speichert alles — Dokumente, Codes, Memos, Auswertungen — in einer einzigen Projektdatei. Lege sie lokal ab und synchronisiere sie nicht live über einen Cloudordner, sonst riskierst du beschädigte Dateien. Ein datiertes Backup nach jeder Sitzung ist Pflicht.

Danach in drei Zügen:

  1. Dokumentgruppen anlegen. Sinnvoll ist eine Gruppe je Erhebungsart oder je Teilstichprobe — etwa «Interviews Pflegefachpersonen» und «Interviews Leitungspersonen». Die Gruppe ist später ein Filterkriterium.
  2. Transkripte importieren. Über Import → Texte, PDFs, Tabellen. RTF und DOCX behalten Formatierungen; reine Textdateien sind unproblematischer, aber verlieren Hervorhebungen.
  3. Dokumentvariablen füllen. Das ist der Schritt, den fast alle überspringen und später bereuen. Trage je Fall die Merkmale ein, nach denen du vergleichen willst: Alter, Berufserfahrung, Abteilung, Standort. Ohne Dokumentvariablen kannst du später keine Gruppenvergleiche fahren, und genau die machen den Ergebnisteil interessant.
Hierarchisches Kategoriensystem mit Haupt- und Subkategorien
Zwei Ebenen reichen fast immer: Hauptkategorien aus dem Leitfaden, Subkategorien aus dem Material.

Schritt 2: Das Codesystem aufbauen

Ein Codesystem entsteht in zwei Wellen, und die Reihenfolge ist keine Geschmacksfrage, sondern folgt deinem Auswertungsverfahren.

Deduktiv zuerst. Lege die Hauptkategorien aus deinem Interviewleitfaden und deinem theoretischen Rahmen an — meist vier bis acht. Jede bekommt eine Farbe; Farben sind später in der Visualisierung das Orientierungsmittel. Schreibe zu jeder Kategorie sofort ein Code-Memo mit Definition, Ankerbeispiel und Abgrenzungsregel. Dieses Memo ist die Rohfassung deines Kodierleitfadens.

Induktiv danach. Beim ersten Materialdurchgang entstehen Subkategorien, die im Leitfaden nicht vorgesehen waren. Lege sie unter der passenden Hauptkategorie an, statt eine neue Ebene zu eröffnen. Eine Tiefe von zwei, höchstens drei Ebenen ist die Grenze der Handhabbarkeit — vierstufige Codesysteme lassen sich nicht mehr konsistent anwenden.

Als Faustregel gilt: Ein Codesystem mit 20 bis 40 Codes ist für eine Abschlussarbeit gut handhabbar. Werden es über achtzig, kodierst du in der Regel Textstellen statt Konzepte. Wie das methodisch geordnete Vorgehen aussieht — sieben Phasen von der initiierenden Textarbeit bis zur Darstellung —, beschreibt der Beitrag zur qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz.

Schritt 3: Kodieren

Textstelle markieren, dann den Code aus dem Codesystem darauf ziehen — oder umgekehrt die Markierung auf den Code ziehen. Schneller geht es über die Code-Favoriten und die zugehörigen Tastenkürzel, die sich für die fünf bis zehn häufigsten Codes lohnen. Über das Kontextmenü stehen ausserdem zur Verfügung:

  • In-vivo-Kodierung — die markierte Formulierung wird selbst zum Codenamen. Nützlich in der Grounded Theory, sparsam einsetzen, sonst wächst das System unkontrolliert.
  • Gewichtung — jedem kodierten Segment lässt sich ein Gewicht zuweisen, etwa um besonders prägnante Belegstellen wiederzufinden.
  • Farbkodierung und Symbole — schnelle Markierungen für «hier nochmal hinschauen»; sie ersetzen keine inhaltliche Kategorie.

Zur Segmentgrösse: Kodiere sinntragende Einheiten, in der Regel ein bis mehrere Sätze — genug, dass die Stelle beim späteren Lesen ohne Kontext verständlich bleibt. Einzelne Wörter zu kodieren, ist fast immer zu klein, ganze Absätze fast immer zu gross. Überlappende Kodierungen sind ausdrücklich erlaubt und oft richtig: Eine Stelle kann gleichzeitig «Belastung» und «Bewältigungsstrategie» sein.

Plane zwei Materialdurchgänge ein. Beim zweiten Durchgang kodierst du die frühen Interviews mit dem inzwischen gewachsenen System erneut — sonst sind deine ersten drei Fälle nach anderen Regeln kodiert als die letzten drei.

Schritt 4: Memos schreiben

Memos sind der Teil, den man weglässt und in der Verteidigung vermisst. Vier Typen sind praktisch relevant:

Memotyp Hängt an Wofür
Code-Memo einem Code Definition, Ankerbeispiel, Abgrenzung — dein Kodierleitfaden
Dokument-Memo einem Transkript Fallzusammenfassung, Besonderheiten der Erhebungssituation
In-Dokument-Memo einer Textstelle Interpretationsidee genau dort, wo sie entstanden ist
Freies Memo dem Projekt methodische Entscheidungen, Zwischenstände, offene Fragen

Der Memo-Manager listet alle Memos durchsuchbar auf und lässt sich als Datei exportieren. Genau daraus entsteht später der Methodenteil: Wer während des Kodierens dokumentiert, warum eine Subkategorie eingeführt wurde, muss es am Ende nicht rekonstruieren.

Ausgedruckte Interviewtranskripte mit farbigen Markierungen und Randnotizen
Ein erster Durchgang auf Papier hilft vielen — die Software macht daraus ein nachvollziehbares System.

Schritt 5: Auswerten

Kodieren ist nicht Auswerten. Die eigentliche Analyse beginnt mit vier Werkzeugen:

  1. Liste der codierten Segmente. Zeigt alle Fundstellen zu einem oder mehreren Codes untereinander, mit Quellenangabe und Absatznummer. Das ist die Arbeitsgrundlage, aus der du die thematischen Zusammenfassungen schreibst.
  2. Code-Matrix-Browser. Kreuzt Codes mit Dokumenten oder Dokumentgruppen und zeigt über die Symbolgrösse, wo wie viel kodiert wurde. Damit siehst du auf einen Blick, welches Thema in welcher Teilgruppe dominiert — und welcher Code nur in einem einzigen Interview vorkommt.
  3. Code-Relations-Browser. Zeigt, welche Codes an denselben Textstellen gemeinsam auftreten. Überschneidungen sind oft der Ausgangspunkt für die interessanteste Aussage der ganzen Arbeit.
  4. Summary Grid. Hier verdichtest du je Fall und Kategorie das kodierte Material zu einer eigenen Zusammenfassung. Diese Tabelle — Fälle in den Zeilen, Kategorien in den Spalten — ist die Brücke zwischen Kodierung und Fliesstext.

Über die Aktivierung von Dokumenten und Dokumentvariablen schränkst du jede dieser Auswertungen auf eine Teilgruppe ein: nur Fälle mit über zehn Jahren Berufserfahrung, nur Interviews aus Standort B. Ohne gepflegte Dokumentvariablen aus Schritt 1 ist dieser Weg verschlossen.

Schritt 6: Export ins Ergebniskapitel

Für die Arbeit brauchst du drei Ausgaben:

  • Belegzitate mit Fall- und Absatzangabe, in einheitlichem Format, zum Beispiel «(B3, Abs. 47)». Kürzungen mit eckigen Klammern kennzeichnen.
  • Eine Häufigkeitstabelle der Codes je Dokumentgruppe. Wichtig: Kodierhäufigkeiten sind ein Hinweis auf Materialverteilung, kein quantitatives Ergebnis — formuliere entsprechend zurückhaltend.
  • Das Codesystem mit Definitionen als Kodierleitfaden für den Anhang. Es entsteht aus den Code-Memos und ist der Beleg dafür, dass konsistent kodiert wurde.

Wie du daraus die eigentliche Ergebnisdarstellung aufbaust — Kategorie für Kategorie statt Fall für Fall —, zeigt der Beitrag zum Auswerten von Experteninterviews.

Aus dem Summary Grid wird ein Kapitel. Die Tabelle steht, die Zitate sind ausgewählt — und dann fehlt der zusammenhängende Text. Mit Tesify baust du dein Ergebniskapitel aus deinen eigenen Kategorien und Belegstellen auf, Abschnitt für Abschnitt — deine Analyse, deine Worte, zu 100 % von dir geschrieben.

Was die Software nicht für dich tut

MAXQDA wird von der VERBI GmbH entwickelt; die aktuelle Generation ist MAXQDA 26, ergänzt um Zusatzmodule für Transkription, quantitative Auswertung und KI-gestützte Funktionen. Für Studierende gibt es vergünstigte Lizenzen sowie eine kostenlose Kurslizenz für Lehrveranstaltungen; viele Hochschulen halten zudem Campuslizenzen bereit — frage vor dem Kauf im Rechenzentrum oder bei der Bibliothek nach.

Drei Grenzen solltest du kennen, bevor du dich auf die Software verlässt:

  • Sie liefert keine Methode. Ob du nach Mayring, nach Kuckartz, thematisch oder in der Grounded Theory auswertest, entscheidest du — die Software führt nur aus.
  • KI-Funktionen kodieren nicht an deiner Stelle. Zusammenfassungen und Vorschläge können den Einstieg beschleunigen, sind aber weder methodisch begründet noch belegfähig. Jede übernommene Kategorie musst du selbst am Material prüfen — und die Nutzung nach den Regeln deiner Hochschule kennzeichnen.
  • Sie ersetzt keine Gütekriterien. Konsistente Kodierung entsteht durch Kodierleitfaden, zweiten Durchgang und gegebenenfalls eine zweite kodierende Person, nicht durch das Programm.

Ob du überhaupt QDA-Software brauchst und wie sich die Programme unterscheiden, klärt der Vergleich von MAXQDA, ATLAS.ti und NVivo. Bei fünf kurzen Interviews ist eine sauber geführte Tabelle oft die schnellere Lösung.

Häufige Fehler

  1. Ohne Dokumentvariablen starten. Sie nachzutragen ist möglich, aber lästig — und ohne sie gibt es keine Gruppenvergleiche.
  2. Die Projektdatei in einem live synchronisierten Cloudordner halten. Häufigste Ursache für beschädigte Projekte kurz vor der Abgabe.
  3. Keine Code-Memos schreiben. Ohne Definitionen ist das Codesystem nicht überprüfbar und der Kodierleitfaden im Anhang eine reine Liste.
  4. Kodierhäufigkeiten als Ergebnisse präsentieren. «Code X wurde 42-mal kodiert» ist eine Aussage über dein Kodierverhalten, nicht über das Feld.
  5. Den zweiten Materialdurchgang auslassen. Dann tragen die ersten Interviews ein anderes System als die letzten.

Häufige Fragen

Wie viele Codes sollte ein Codesystem für eine Bachelorarbeit haben?

20 bis 40 Codes auf zwei Ebenen sind gut handhabbar: vier bis acht Hauptkategorien aus Leitfaden und Theorie, dazu induktiv gebildete Subkategorien. Über achtzig Codes deuten meist darauf hin, dass Textstellen statt Konzepte kodiert werden.

Wie zitiere ich eine Interviewstelle aus MAXQDA in der Arbeit?

Mit dem Fallkürzel und der Absatznummer, die MAXQDA beim Import vergeben hat, zum Beispiel «(B3, Abs. 47)». Führe die Systematik einmal im Methodenteil ein und halte sie durchgehend ein. Kürzungen im Zitat werden mit eckigen Klammern gekennzeichnet.

Darf ich die KI-Funktionen zum Kodieren nutzen?

Als Vorschlagsgeber ja, als Ersatz für die eigene Analyse nein. Jede automatisch erzeugte Kategorie oder Zusammenfassung musst du am Material prüfen und selbst verantworten. Ob und wie du die Nutzung kennzeichnen musst, regelt deine Hochschule — kläre es vor dem Einsatz und dokumentiere es im Methodenteil.

Was ist der Unterschied zwischen einem Code und einer Kategorie?

In der Software heisst jede Markierung «Code». Methodisch ist eine Kategorie mehr: ein definiertes Konzept mit Abgrenzungsregel und Ankerbeispiel. Der Weg vom Code zur Kategorie führt über das Code-Memo — deshalb ist es kein Zusatz, sondern Teil der Analyse.

Muss ich zweimal durch das Material?

Ja, wenn du induktiv Subkategorien bildest. Das Codesystem wächst während des ersten Durchgangs, sodass die zuerst bearbeiteten Interviews nach einem anderen Stand kodiert sind als die letzten. Der zweite Durchgang gleicht das aus und ist im Methodenteil ausdrücklich zu erwähnen.

Kann ich mein Projekt zwischen MAXQDA und anderen Programmen austauschen?

Eingeschränkt. Es gibt ein herstellerübergreifendes Austauschformat für Projekte, das Dokumente, Codes und Kodierungen überträgt; Memos, Visualisierungen und programmspezifische Funktionen gehen dabei aber typischerweise verloren. Für eine Abschlussarbeit gilt praktisch: Entscheide dich zu Beginn für ein Programm und bleibe dabei.

Schreibe deine Abschlussarbeit mit KI

Strukturiere, schreibe und zitiere deine Bachelor- oder Masterarbeit mit einem KI-Assistenten, der wissenschaftliche Integrität wahrt. Kostenlose Anmeldung, ohne Kreditkarte.

Kostenlos starten →

Kategorien