Die individuelle praktische Arbeit (IPA) 2026: Wo die Regeln stehen — und was deine Note wirklich bestimmt

Die IPA ist der Teil des Qualifikationsverfahrens, den du an deinem eigenen Arbeitsplatz absolvierst: eine echte Arbeit, in echter Zeit, unter Beobachtung. Fast die gesamte Nervosität richtet sich auf die Ausführung — auf die Tage, an denen du liefern musst.

Entschieden wird die Note aber grösstenteils vorher und anderswo: in der Aufgabenstellung, die festlegt, was du überhaupt zeigen darfst, und in der Dokumentation, die belegt, warum du es so gemacht hast. Wer das erst nach der Ausführung merkt, hat den beeinflussbaren Teil bereits hinter sich.

Was der Bund zur IPA sagt — und was nicht

Das Berufsbildungsgesetz regelt Qualifikationsverfahren nur im Rahmen. Es verlangt in Artikel 34 Absatz 1, dass die verwendeten Beurteilungskriterien «sachgerecht und transparent sein sowie die Chancengleichheit wahren» müssen. Die Berufsbildungsverordnung wird in Artikel 30 etwas konkreter: Qualifikationsverfahren bewerten und gewichten «die mündlichen, schriftlichen und praktischen Teile ausgewogen» und berücksichtigen die Erfahrungsnoten aus Schule und Praxis.

Und dann hört es auf. Wer den geltenden Text der Berufsbildungsverordnung nach dem Begriff «individuelle praktische Arbeit» durchsucht, findet ihn kein einziges Mal. Die IPA ist kein Instrument der Bundesverordnung. Sie wird eine Ebene tiefer angeordnet — und genau dort stehen die Zahlen, die deine Note bestimmen.

Mehrere Regelungsebenen, von der nationalen Verordnung bis zur Wegleitung
Die Bundesverordnung nennt die IPA nicht. Verbindlich wird sie erst in der Bildungsverordnung deines Berufs.

Drei Ebenen — und nur eine gilt für dich persönlich

  1. BBG und BBV. Der gemeinsame Rahmen für alle Berufe: Notenskala, Wiederholungen, Einsetzung der Prüfungsexpertinnen und -experten, Nachteilsausgleich. Diese Regeln gelten immer, egal was du lernst.
  2. Die Bildungsverordnung deines Berufs. Hier steht, ob dein praktischer Qualifikationsbereich als IPA durchgeführt wird, wie viele Stunden er umfasst, aus welchen Positionen er besteht und wie diese gewichtet werden. Das ist dein eigentliches Regelwerk.
  3. Die Wegleitung deiner Branche und die Vorgaben deines Kantons. Die operative Ebene: Formulare, Fristen, Ablauf, wer wann was unterschreibt.

Die häufigste Fehlerquelle in diesem Aufbau ist der Ratschlag aus dem Nachbarberuf. Er ist fast immer gut gemeint und fast immer für dich falsch.

Zwei Berufe, zwei völlig verschiedene IPAs

Wie weit das auseinandergeht, zeigt ein Vergleich zweier aktuell geltender Bildungsverordnungen:

Metallbaukonstrukteurin/-konstrukteur EFZ Gebäudeinformatikerin/-informatiker EFZ
Umfang der IPA 24–80 Stunden 70–90 Stunden
Gewichtung im Abschluss alle Qualifikationsbereiche einfach praktische Arbeit 40 Prozent
Sperrklausel keine eigene für die IPA praktische Arbeit muss mindestens Note 4 erreichen
Lerndokumentation als Hilfsmittel erlaubt erlaubt

Dieselbe Bezeichnung, ein Faktor drei beim minimalen Stundenumfang und ein struktureller Unterschied: In einem der beiden Berufe kann eine ungenügende praktische Arbeit durch andere Bereiche aufgefangen werden, im anderen nicht. Aus einer Bildungsverordnung lässt sich für einen anderen Beruf schlicht nichts ableiten.

Die Aufgabenstellung setzt die Obergrenze

Eine Aufgabenstellung, die die erreichbare Bewertung nach oben begrenzt
Was in der Aufgabenstellung nicht vorkommt, kannst du in der Bewertung nicht zeigen — unabhängig davon, wie gut du arbeitest.

Die Aufgabenstellung entsteht, bevor du beginnst, und sie beschreibt den Auftrag, an dem du gemessen wirst. Ob und durch wen sie vorgängig genehmigt wird, steht in der Wegleitung deiner Branche — das ist von Beruf zu Beruf verschieden und der erste Punkt, den du nachschlagen solltest.

Entscheidend ist der Zuschnitt. Wenn die Positionen deines Berufs Planung, Entscheidungen und Dokumentation bewerten, deine Aufgabe aber nur das Abarbeiten eines Standardvorgangs verlangt, dann fehlt dir der Anlass, diese Punkte zu zeigen. Du kannst sauber, schnell und fehlerfrei arbeiten und bleibst trotzdem unter dem Maximum, weil die Aufgabe die Gelegenheit nie hergegeben hat.

Deshalb liest du den Entwurf gegen die Positionsliste deiner Bildungsverordnung, bevor er definitiv wird, und prüfst drei Dinge:

  • Gibt es echte Entscheidungen? Eine Aufgabe ohne Variantenwahl liefert keinen Stoff für die Begründung.
  • Passt der Umfang zum Stundenbudget? Zu gross heisst unfertig, zu klein heisst dünn — beides kostet.
  • Kommt jede bewertete Position vor? Wenn Prüfen und Übergeben bewertet werden, muss die Aufgabe ein Prüfen und ein Übergeben enthalten.

Einwände gehören in diese Phase. Nachher ist der Auftrag der Auftrag.

Die Dokumentation — der Teil, den du tatsächlich schreibst

Bei der Gebäudeinformatikerin macht die Dokumentation 20 Prozent der IPA-Note aus, die Ausführung und das Resultat 50 Prozent, der Rest entfällt auf Präsentation und Fachgespräch, die zusammen höchstens eine Stunde dauern. Ein Fünftel der Note für ein Dokument, das viele Lernende in den letzten zwei Abenden schreiben.

Der übliche Fehler ist erzählerisch: Die Dokumentation berichtet, was geschehen ist, in der Reihenfolge, in der es geschehen ist. Bewertet wird aber nicht die Chronik, sondern die Nachvollziehbarkeit. Zu jedem wesentlichen Schritt gehören die Ausgangslage, die geprüften Varianten, die getroffene Wahl und der Grund dafür — und zwar auch dann, wenn die Wahl im Nachhinein falsch war. Eine begründete Fehlentscheidung mit erkannter Korrektur ist stärker als eine unbegründete richtige. Die gleiche Logik trägt auch die Dokumentation eines Meisterprüfungsprojekts, nur auf einer höheren Stufe.

Was du beim Schreiben nicht verhandeln kannst: Die Arbeit muss deine sein. Fremde Textbausteine und ungekennzeichnete Übernahmen sind in der beruflichen Abschlussprüfung dasselbe Problem wie an der Hochschule — was dabei als Täuschung in der Abschlussprüfung gilt, ist ausdrücklich geregelt.

Wie aus Bewertungen eine Note wird

Die Berufsbildungsverordnung gibt in Artikel 34 den Rahmen vor: Leistungen werden in ganzen oder halben Noten ausgedrückt, 6 ist die höchste und 1 die tiefste Note, Noten unter 4 stehen für ungenügende Leistungen. Andere als halbe Noten sind nur für Durchschnitte zulässig, und diese werden auf höchstens eine Dezimalstelle gerundet. Ausdrücklich zugelassen ist zudem, dass die Bildungserlasse andere Bewertungssysteme vorsehen.

Was das konkret bedeutet, entscheidet also wieder deine Bildungsverordnung — siehe die Tabelle oben. Rechne deine Gesamtnote einmal selbst mit den Gewichtungen deines Berufs durch, bevor die IPA beginnt. Dann weisst du, wie viel eine halbe Note in der praktischen Arbeit bei dir tatsächlich wiegt.

Wenn während der IPA etwas schiefläuft

Eine Regel aus der Berufsbildungsverordnung ist im Alltag zu wenig bekannt und im Ernstfall die wichtigste. Nach Artikel 35 Absatz 2 halten die Prüfungsexpertinnen und -experten die Resultate sowie ihre Beobachtungen schriftlich fest, «einschliesslich Einwände der Kandidatinnen und Kandidaten».

Wenn also die Maschine ausfällt, das Material fehlt, der Betrieb dich abzieht oder die Aufgabe sich als undurchführbar erweist: Sag es sofort und verlange, dass es protokolliert wird. Ein Einwand, der am selben Tag im Protokoll steht, ist eine Tatsache. Derselbe Einwand drei Wochen später ist eine Behauptung.

Zwei weitere Punkte aus demselben Artikel: Wer wegen einer Behinderung besondere Hilfsmittel oder mehr Zeit benötigt, dem wird dies angemessen gewährt — das ist zu beantragen, nicht zu erhoffen. Und über die Erteilung des Fähigkeitszeugnisses wird durch Verfügung entschieden. Eine Verfügung ist anfechtbar; wie ein solches Vorgehen gegen eine Bewertung im Rekursverfahren abläuft und welche Fristen dabei laufen, ist ein eigenes Thema.

Zum Nichtbestehen: Nach Artikel 33 sind Wiederholungen höchstens zweimal möglich, und bereits bestandene Teile müssen nicht wiederholt werden. Achtung auf die Feinheit — mindestens eine Bildungsverordnung hält fest, dass ein Qualifikationsbereich, wenn er wiederholt werden muss, in seiner Gesamtheit zu wiederholen ist. Bestanden bleibt bestanden, aber nur auf der Ebene des ganzen Bereichs.

IPA, IDPA, Allgemeinbildung — drei verschiedene Dinge

Die Begriffe werden ständig verwechselt, auch von Betrieben. Die IPA ist der praktische Qualifikationsbereich der beruflichen Grundbildung und findet am Arbeitsplatz statt. Die interdisziplinäre Projektarbeit der Berufsmaturität ist eine schulische Arbeit auf einer anderen Schiene mit eigenem Rahmenlehrplan. Und die Allgemeinbildung hat ihre eigene Verordnung des SBFI, die am 9. April 2025 total revidiert wurde und deren Verweise in den Bildungsverordnungen auf den 1. Januar 2026 angepasst worden sind.

Wer die höhere Berufsbildung anpeilt, trifft weiter oben wieder auf dieselbe Struktur: Auch die Diplomarbeit an der höheren Fachschule lebt von Vorgaben, die nicht im Bundesrecht stehen, sondern im Reglement der eigenen Institution.

Häufige Fragen

Wie viele Stunden dauert eine IPA?

Das ist berufsabhängig und steht in deiner Bildungsverordnung. Die beiden oben geprüften Beispiele liegen bei 24 bis 80 und bei 70 bis 90 Stunden. Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht.

Darf ich meine Lerndokumentation während der IPA benutzen?

In beiden geprüften Bildungsverordnungen ausdrücklich ja, in einem Fall zusätzlich die Unterlagen der überbetrieblichen Kurse. Da es sich um eine Zulassung von Hilfsmitteln handelt, ist sie im Erlass geregelt — nachschlagen statt annehmen.

Zählt die Dokumentation gleich viel wie die Ausführung?

Nein, und der Abstand ist gross. Im geprüften Beispiel stehen 50 Prozent für Ausführung und Resultat gegen 20 Prozent für die Dokumentation. Sie ist aber die Position mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung, weil du sie im Gegensatz zur Ausführung in Ruhe überarbeiten kannst.

Was passiert, wenn ich die IPA nicht bestehe?

Wiederholungen sind nach Artikel 33 BBV höchstens zweimal möglich, bestandene Teile bleiben grundsätzlich bestehen. Ob ein Bereich vollständig zu wiederholen ist, regelt deine Bildungsverordnung.

Kann ich gegen die Bewertung vorgehen?

Über die Erteilung des Ausweises wird durch Verfügung entschieden, und eine Verfügung ist anfechtbar. Die Erfolgsaussichten hängen stark davon ab, ob deine Einwände während des Verfahrens protokolliert wurden — deshalb ist Artikel 35 Absatz 2 die wichtigste Zeile dieses Textes.

Die Kurzfassung

Die Bundesverordnung nennt die IPA nicht; verbindlich sind die Bildungsverordnung deines Berufs und die Wegleitung deiner Branche. Stundenumfang, Positionen und Gewichtungen unterscheiden sich zwischen Berufen erheblich — hol dir deine eigenen Zahlen, bevor du planst. Die Aufgabenstellung begrenzt, was du überhaupt zeigen kannst, also prüfe sie gegen die Positionsliste, solange sie noch änderbar ist. Die Dokumentation begründet statt zu erzählen. Und wenn etwas schiefgeht, gehört der Einwand noch am selben Tag ins Protokoll.

Wenn die Dokumentation ansteht und du sie von der Chronik zur Begründung umbauen willst: Tesify strukturiert sie mit dir — Entscheidung für Entscheidung, mit dem Absatz, der zeigt, warum du so vorgegangen bist.

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