Frauenanteil bei Promotionen in Deutschland 2026: Zahlen nach Fächergruppe
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) lag der Frauenanteil bei Promotionen in Deutschland 2024 bei rund 49 Prozent unter den insgesamt 212.400 Promovierenden – ein Wert, der seit Jahren nahezu konstant bleibt. Doch dieser Gesamtdurchschnitt verdeckt eine deutliche Schieflage: Je nach Fächergruppe schwankt der Frauenanteil zwischen unter einem Viertel und rund zwei Dritteln.
Der Blick auf die Fächergruppen zeigt ein Muster, das sich in der Wissenschaftsforschung als „Leaky Pipeline“ bezeichnen lässt: Der Frauenanteil sinkt mit jeder Karrierestufe – vom Studienabschluss über die Promotion bis zur Professur. Dieser Beitrag ordnet die verfügbaren Destatis- und Bundesbericht-Daten ein und zeigt, wo die größten Lücken bestehen.
Wie hoch ist der Frauenanteil bei Promotionen insgesamt?
Laut Destatis-Pressemitteilung vom August 2025 waren 2024 in Deutschland 212.400 Personen als Promovierende an Hochschulen erfasst – 7.500 bzw. 4 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Frauenanteil lag bei rund 49 Prozent (103.500 Personen) und blieb damit gegenüber dem Vorjahreswert von 48 Prozent nahezu unverändert. Das ist bemerkenswert, weil der Frauenanteil unter Hochschulabsolventinnen und -absolventen insgesamt bereits seit Jahren bei etwa 50 Prozent oder leicht darüber liegt – auf Promotionsebene besteht also (anders als oft angenommen) auf Gesamtebene keine große Lücke mehr.
Die eigentliche Ungleichheit zeigt sich erst beim Blick auf einzelne Fächergruppen, wie der folgende Abschnitt verdeutlicht. Einen breiteren Überblick zu Promotionszahlen insgesamt – Promotionsquote und -dauer nach Fach und Geschlecht – liefert der Beitrag zur Promotionsquote und Promotionsdauer in Deutschland.
Wie unterscheidet sich der Frauenanteil nach Fächergruppe?
Destatis weist deutliche Unterschiede zwischen den Fächergruppen aus:
- Ingenieurwissenschaften: Etwa drei von vier Promovierenden (rund 77 %) sind Männer. In absoluten Zahlen promovieren hier mit rund 30.000 Personen am häufigsten Männer überhaupt – die Ingenieurwissenschaften sind damit die zahlenmäßig größte, gleichzeitig am stärksten männerdominierte Fächergruppe.
- Kunst, Kunstwissenschaft: Umgekehrtes Bild – rund zwei von drei Promovierenden (etwa 67 %) sind Frauen.
- Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften: Mit rund 37.400 Personen die Fächergruppe, in der Frauen am häufigsten promovieren – in absoluten Zahlen die größte Gruppe promovierender Frauen.
- Mathematik, Naturwissenschaften: Zweitgrößte Fächergruppe insgesamt mit rund 47.700 Promovierenden; der Frauenanteil liegt hier näher am Gesamtdurchschnitt, mit Unterschieden zwischen einzelnen Disziplinen (z. B. Biologie vs. Physik), die Destatis in der Gesamtstatistik nicht immer feingranular ausweist.
Diese Fächergruppen-Unterschiede spiegeln zu einem großen Teil bereits die geschlechtsspezifische Fächerwahl im Studium wider – ein Muster, das auch bei den Frauenanteilen in MINT-Studiengängen auf Bachelor- und Masterebene sichtbar wird. Die Promotion verstärkt diese Schieflage jedoch tendenziell eher, als sie auszugleichen, da MINT-Fächer mit besonders niedrigem Frauenanteil im Studium oft auch überproportional viele Promotionsstellen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften bereitstellen.

Was bedeutet „Leaky Pipeline“?
Der Begriff „Leaky Pipeline“ beschreibt in der Wissenschaftsforschung das Phänomen, dass der Frauenanteil auf jeder weiteren Qualifikationsstufe der akademischen Laufbahn abnimmt: von etwa paritätischen Studienabschlusszahlen über eine leicht rückläufige Promotionsquote bis zu einem deutlich geringeren Frauenanteil bei Habilitationen, Juniorprofessuren und schließlich Lebenszeitprofessuren. Der Begriff impliziert kein einzelnes Ereignis, sondern einen kumulativen Prozess über mehrere Karrierestufen hinweg.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen zwei möglichen Ursachen, die sich mit Querschnittsdaten allein nicht trennen lassen: Erstens könnten Frauen die akademische Laufbahn nach der Promotion seltener fortsetzen (Abwanderung), zweitens könnten sie bei Berufungsverfahren strukturell benachteiligt sein (Selektion). Die vorliegenden Destatis-Zahlen zur Promotion beschreiben nur eine Momentaufnahme und erlauben für sich genommen keine kausale Erklärung.
Wie sieht es bei Postdoc und Professur aus?
Destatis weist für die Professorenschaft einen Frauenanteil von rund 30 Prozent im Jahr 2024 aus (nach rund 29 % im Jahr 2023) – ein Wert, der trotz eines Frauenanteils von rund 49 Prozent bei den Promotionen deutlich niedriger liegt. Diese Differenz von knapp 19 Prozentpunkten zwischen Promotions- und Professorenebene ist der konkrete quantitative Ausdruck der Leaky Pipeline in Deutschland.
Der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN), der regelmäßig vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegeben wird, dokumentiert zusätzlich die Zwischenstufen – etwa den Frauenanteil unter wissenschaftlichem Personal ohne Professur oder unter Habilitierten – und liefert damit ein feineres Bild der einzelnen Übergänge als die reinen Promotions- und Professurzahlen von Destatis allein.
Wie hat sich der Frauenanteil über die Zeit entwickelt?
Der Frauenanteil bei Promotionen in Deutschland ist über die vergangenen Jahrzehnte spürbar gestiegen, wie die Destatis-Zeitreihen zeigen: Von einem deutlich niedrigeren Ausgangsniveau in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren hat er sich schrittweise dem heutigen Wert von rund 49 Prozent angenähert und liegt damit inzwischen nahe der Parität. Der Anstieg verlief jedoch nicht gleichmäßig über alle Fächergruppen: In traditionell frauendominierten Fächern wie Kunst- und Kulturwissenschaften war der Frauenanteil bereits früh hoch, während er in den Ingenieurwissenschaften nur langsam zunahm und dort bis heute deutlich unter der Parität bleibt.
Auch beim Frauenanteil an Professuren zeigt sich ein ähnlich langsamer, aber kontinuierlicher Trend: Der Anstieg von rund 29 Prozent (2023) auf rund 30 Prozent (2024) mag auf den ersten Blick gering wirken, entspricht aber der über mehrere Jahre hinweg typischen Wachstumsrate von etwa einem Prozentpunkt pro Jahr. Bei einem gleichbleibenden Tempo würde eine Angleichung an das Promotionsniveau noch viele Jahre in Anspruch nehmen – eine Rechnung, die in der Wissenschaftspolitik regelmäßig als Argument für gezielte Förderprogramme wie Kaskadenmodelle oder Gleichstellungsstandards der DFG angeführt wird.

Welche Erklärungen werden diskutiert?
In der Wissenschaftsforschung werden mehrere, sich teils ergänzende Erklärungsansätze diskutiert – ohne dass hierzu ein abschließender Konsens besteht:
- Strukturelle Rahmenbedingungen: Befristete Verträge, Publikationsdruck und geringe Planbarkeit der akademischen Laufbahn treffen Personen mit Familienverantwortung besonders hart, was statistisch häufiger Frauen betrifft.
- Fachkultur und Vorbilder: In Fächergruppen mit geringem Frauenanteil unter etablierten Professor:innen fehlt es potenziell an Vorbildern und informellen Netzwerken, die für Berufungsverfahren relevant sind.
- Berufungsverfahren: Einzelne Studien diskutieren mögliche unbewusste Verzerrungen in Auswahlprozessen, wobei die Befundlage hierzu uneinheitlich und methodisch umstritten ist.
Diese Erklärungsansätze sind als Stand der fachlichen Diskussion zu verstehen, nicht als durch eine einzelne Studie abschließend belegt. Wer sich in einer eigenen Arbeit mit der Leaky Pipeline auseinandersetzt, sollte auf die Originalliteratur zurückgreifen, etwa aktuelle BuWiN-Ausgaben oder einschlägige DZHW-Forschung.
Datentabelle: Frauenanteil nach Fächergruppe (2024, Destatis)
| Fächergruppe | Frauenanteil bei Promotionen | Anmerkung |
|---|---|---|
| Ingenieurwissenschaften | rund 23 % (77 % Männer) | zahlenmäßig größte Fächergruppe, rund 30.000 Männer |
| Kunst, Kunstwissenschaft | rund 67 % | einzige Fächergruppe mit klarer Frauenmehrheit laut Destatis-Auswertung |
| Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften | Frauen zahlenmäßig größte Gruppe (rund 37.400) | exakter Prozentanteil in der Pressemitteilung nicht separat ausgewiesen |
| Mathematik, Naturwissenschaften | nahe Gesamtdurchschnitt, Unterschiede je Disziplin | zweitgrößte Fächergruppe insgesamt, rund 47.700 Promovierende |
| Alle Fächergruppen (Durchschnitt) | rund 49 % | 212.400 Promovierende insgesamt, 2024 |
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung „4 % mehr Promovierende im Jahr 2024″, 2025. Einzelne Fächergruppenwerte teils gerundet bzw. aus verfügbaren Absolutzahlen abgeleitet.
Häufige Fragen
Wie hoch ist der Frauenanteil bei Promotionen in Deutschland?
Laut Destatis lag der Frauenanteil bei Promotionen 2024 bei rund 49 Prozent, bei insgesamt 212.400 Promovierenden. Der Wert ist gegenüber dem Vorjahr (48 %) nahezu stabil geblieben.
In welcher Fächergruppe ist der Frauenanteil bei Promotionen am niedrigsten?
In den Ingenieurwissenschaften: Rund 77 Prozent der Promovierenden sind hier Männer, der Frauenanteil liegt entsprechend bei etwa 23 Prozent.
In welcher Fächergruppe promovieren am meisten Frauen?
In Kunst und Kunstwissenschaft liegt der Frauenanteil bei rund 67 Prozent, dem höchsten Wert unter den großen Fächergruppen. In absoluten Zahlen promovieren die meisten Frauen jedoch in der Humanmedizin/den Gesundheitswissenschaften.
Was ist die „Leaky Pipeline“ in der Wissenschaft?
Der Begriff beschreibt, dass der Frauenanteil mit jeder weiteren Karrierestufe in der Wissenschaft abnimmt – von der Promotion über Postdoc-Stellen bis zur Professur. In Deutschland liegt der Frauenanteil bei Promotionen bei rund 49 Prozent, bei Professuren aber nur bei rund 30 Prozent.
Wie hoch ist der Frauenanteil bei Professuren in Deutschland?
Laut Destatis lag der Frauenanteil bei Professuren 2024 bei rund 30 Prozent, nach rund 29 Prozent im Jahr 2023 – ein langsamer, aber kontinuierlicher Anstieg über mehrere Jahre.
Gibt es einen Zusammenhang zum Frauenanteil in MINT-Studiengängen?
Ja, teilweise. Die geschlechtsspezifische Fächerwahl im Studium setzt sich auf Promotionsebene tendenziell fort und wird durch das Fächerangebot an Promotionsstellen eher verstärkt als ausgeglichen.
Fazit: Parität im Durchschnitt, Schieflage im Detail
Der Gesamtdurchschnitt von rund 49 Prozent Frauenanteil bei Promotionen in Deutschland suggeriert eine Parität, die es auf Fächergruppenebene nicht gibt. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Zugang zur Promotion insgesamt, sondern in der ungleichen Verteilung über Fächer hinweg – und in der Leaky Pipeline, die den Frauenanteil auf dem Weg zur Professur deutlich schrumpfen lässt. Wer diese Daten für eine eigene Abschlussarbeit oder Dissertation nutzt, sollte stets zwischen dem Gesamtdurchschnitt und den teils sehr unterschiedlichen Fächergruppenwerten unterscheiden, um keine irreführenden Verallgemeinerungen zu treffen. Einen breiteren Blick auf die Gesamtzahl aller Hochschulabsolventinnen und -absolventen liefert der Beitrag zu Hochschulabsolventen in Deutschland.
