Du hast einen Artikel gefunden, der genau deine Fragestellung trifft. Er ist frei zugänglich, das PDF sieht ordentlich aus, die Zeitschrift heisst «International Journal of Advanced Research in …». Und irgendetwas fühlt sich falsch an: Die Website wirkt lieblos, das Impressum ist dünn, die Zeitschrift veröffentlicht offenbar zu jedem Thema.
Dieses Gefühl solltest du ernst nehmen. Es gibt einen Markt für Zeitschriften, die gegen Gebühr praktisch alles publizieren und dabei ein Peer-Review-Verfahren nur behaupten. Wer aus einer solchen Quelle zitiert, übernimmt ungeprüfte Aussagen — und muss sie in der Verteidigung verteidigen. Dieser Beitrag zeigt, wie du in fünf bis zehn Minuten zu einer belegbaren Einschätzung kommst.
Worum es geht — und worum nicht
Der Begriff «Predatory Journal» beschreibt Zeitschriften, deren Geschäftsmodell darin besteht, Publikationsgebühren einzunehmen, ohne die redaktionellen Leistungen zu erbringen, die eine wissenschaftliche Zeitschrift ausmachen: unabhängige Begutachtung, redaktionelle Auswahl, Lektorat, langfristige Archivierung.
Drei Klarstellungen vorweg, weil hier oft Dinge vermischt werden:
- Open Access ist nicht das Problem. Sehr viele hochwertige Zeitschriften sind frei zugänglich und finanzieren sich über Publikationsgebühren. Der freie Zugang sagt über die Qualität gar nichts.
- Eine Publikationsgebühr ist kein Verdachtsmoment. Sie ist bei Open Access der Normalfall. Verdächtig ist, wenn sie erst nach der Annahme sichtbar wird.
- Es gibt keine offizielle Liste. Die bekannteste frühe Sammlung wurde 2017 eingestellt; kommerzielle Nachfolgeprodukte sind kostenpflichtig und ebenfalls nicht amtlich. Eine Zeitschrift ist nicht deshalb unseriös, weil sie irgendwo auf einer Liste steht — und nicht seriös, weil sie fehlt.
Praktisch heisst das: Du brauchst Kriterien, keine Liste. Und die gibt es.

Die Checkliste, die es schon gibt
Die brauchbarste öffentliche Prüfliste stammt von der Initiative Think. Check. Submit., die von einem breiten Bündnis der Branche getragen wird — darunter COPE, DOAJ, ISSN, OASPA, LIBER und STM. Sie ist ursprünglich für Autorinnen und Autoren gedacht, die entscheiden müssen, wo sie einreichen. Ihre Kriterien lassen sich aber eins zu eins umdrehen: Was für das Einreichen gilt, gilt auch für das Zitieren.
Die Prüfpunkte in der Fassung, die für dich als Leserin oder Leser relevant ist:
- Kennst du die Zeitschrift — oder kennt sie jemand in deinem Umfeld? Und lässt sie sich über das ISSN-Portal gegenprüfen?
- Ist der Verlag klar benannt und erreichbar? Vollständige Postadresse, Telefon, echte E-Mail-Adresse — nicht nur ein Kontaktformular.
- Ist das Begutachtungsverfahren nachvollziehbar beschrieben? Unabhängige Gutachtende und realistische Fristen. «Peer review within 72 hours» ist kein Qualitätsversprechen, sondern das Gegenteil.
- Ist die Zeitschrift in einer auffindbaren Datenbank indexiert und langfristig archiviert? Behauptete Indexierung lässt sich in der Datenbank selbst nachprüfen — und genau daran scheitern die meisten Fälle.
- Sind die Gebühren transparent? Betrag, Währung, Zeitpunkt und Erlassregelungen müssen vor dem Einreichen erkennbar sein.
- Gibt es klare Autorenrichtlinien? Urheberrecht, Lizenz, Umgang mit Interessenkonflikten.
- Ist der Verlag Mitglied in einschlägigen Organisationen? COPE, DOAJ, OASPA oder eine vergleichbare regionale Plattform — und ist diese Mitgliedschaft auf der Seite der Organisation überprüfbar?
Der letzte Halbsatz ist der entscheidende: Prüfe die Behauptung an der Quelle, nicht auf der Website der Zeitschrift. Ein Logo ist schnell kopiert; ein Eintrag im Verzeichnis der Organisation nicht.
Die konkreten Prüfschritte in zehn Minuten
- ISSN prüfen. Über das offizielle ISSN-Portal lässt sich verifizieren, ob die Nummer existiert und zu diesem Titel gehört.
- DOAJ befragen. Ist die Zeitschrift dort gelistet, hat sie ein dokumentiertes Aufnahmeverfahren durchlaufen. Fehlt sie, ist das kein Urteil — aber ein Grund, genauer hinzuschauen.
- Redaktion stichprobenartig prüfen. Zwei bis drei Namen aus dem Editorial Board googeln: Existieren diese Personen, arbeiten sie am angegebenen Institut, erwähnen sie die Tätigkeit selbst? Bei unseriösen Zeitschriften stehen dort regelmässig Namen ohne Wissen der Betroffenen.
- Ein paar Artikel überfliegen. Ein Heft, das Krebsforschung, Bauingenieurwesen und Tourismusmarketing nebeneinander druckt, hat keine fachliche Redaktion. Auch offensichtliche Sprachfehler in Titeln und Abstracts sind ein Signal.
- Die DOI auflösen. Führt sie tatsächlich zum Artikel? Fehlende oder tote DOIs sind bei Verlagen ohne Infrastruktur häufig.
- Die Bibliothek fragen. Schweizer Hochschulbibliotheken beraten genau dazu — das ist eine ihrer Kernaufgaben und dauert eine Mail. Wenn du keinen Ansprechpunkt kennst: Fachreferat oder Auskunftsdienst deiner Hochschulbibliothek.

Warnsignale, die für sich allein schon reichen
- Eine unaufgeforderte E-Mail, die deine — noch gar nicht publizierte — Arbeit lobt und zur Einreichung einlädt.
- Zusicherung von Annahme oder Veröffentlichung innerhalb weniger Tage.
- Ein Name, der einer etablierten Zeitschrift zum Verwechseln ähnlich ist.
- Angebliche Impact-Kennzahlen von Anbietern, die niemand kennt. Der etablierte Journal Impact Factor stammt aus einer bestimmten Datenbank; frei erfundene «Impact»-Werte sind ein verbreitetes Merkmal.
- Ein Verlagssitz, der sich nicht überprüfen lässt, oder eine Adresse, die zu einem Briefkasten gehört.
Der billigste Schutz: den Einstiegsweg ändern
Fast alle problematischen Funde haben eines gemeinsam: Sie stammen aus einer allgemeinen Websuche. Wer stattdessen über den Bibliothekskatalog seiner Hochschule einsteigt, sieht überwiegend Titel, die eine Bibliothek lizenziert oder kuratiert hat — eine Vorauswahl, die dir die halbe Prüfung abnimmt. Welches Werkzeug wofür taugt und wo die Grenzen der einzelnen Suchoberflächen liegen, vergleicht der Beitrag zu swisscovery, Bibliothekskatalog und Google Scholar.
Das ersetzt die Prüfung nicht vollständig — auch grosse Suchoberflächen indexieren Inhalte, die keine Redaktion gesehen hat. Aber es verschiebt das Verhältnis: Statt bei jedem zweiten Treffer nachzuforschen, prüfst du nur noch die wenigen Titel, die ausserhalb der kuratierten Bestände liegen.
Dokumentiere die Prüfung — sie ist Teil deiner Methode
Wer eine Quelle geprüft und verworfen hat, hat gearbeitet. Diese Arbeit verschwindet aber, wenn sie nirgends steht. Zwei bis drei Zeilen in deinem Rechercheprotokoll reichen: Titel, Datum der Prüfung, geprüfte Punkte, Entscheidung. Bei einer systematischen Übersichtsarbeit gehört diese Information ohnehin in die Dokumentation der Auswahl; bei einer gewöhnlichen Abschlussarbeit ist sie deine Rückversicherung, falls in der Verteidigung nach einer bestimmten Quelle gefragt wird.
Und ein Satz im Methodenteil hilft ebenfalls: «Quellen aus nicht indexierten oder nicht unabhängig begutachteten Zeitschriften wurden ausgeschlossen; in zwei Fällen wurde eine Aussage über eine begutachtete Zweitquelle abgesichert.» Das ist präzise, überprüfbar und zeigt, dass du deine Literaturbasis nicht nur zusammengesucht, sondern beurteilt hast.
Und wenn du die Quelle trotzdem brauchst?
Es gibt Fälle, in denen ein Artikel aus einer zweifelhaften Zeitschrift die einzige Fundstelle zu einem Detail ist. Verboten ist das Zitieren nicht. Sinnvoll ist es aber nur mit drei Vorkehrungen:
- Aussage gegenprüfen. Findest du dieselbe Information in einer nachweislich begutachteten Quelle, zitierst du diese.
- Im Text kennzeichnen. Ein Halbsatz genügt: «in einer nicht unabhängig begutachteten Publikation berichtet …». Damit übernimmst du die Aussage nicht als gesichert.
- Gewicht reduzieren. Eine solche Quelle trägt keine zentrale Behauptung deiner Arbeit. Sie darf illustrieren, nicht begründen.
Dasselbe Vorgehen gilt für andere nicht begutachtete Materialien. Wie du Berichte, Arbeitspapiere und Preprints korrekt einordnest und belegst, steht im Beitrag zu grauer Literatur; was Begutachtung überhaupt leistet, erklärt der Beitrag Was ist Peer Review?.
Der Schritt danach: ist der Artikel noch gültig?
Eine seriöse Zeitschrift ist nur die halbe Prüfung. Auch begutachtete Artikel werden zurückgezogen — wegen Fehlern, Datenproblemen oder Fehlverhalten. Ein zurückgezogener Artikel, der in deiner Arbeit als gültiger Beleg steht, ist ein handfester Mangel. Wie du das systematisch prüfst, beschreibt der Beitrag zu zurückgezogenen Studien. Der Ablauf ist derselbe wie bei der Quellenauswahl insgesamt: prüfen, protokollieren, weitergehen — genau die Systematik, die die Literaturrecherche Schritt für Schritt vorgibt.
Häufige Fragen
Muss ich jede Quelle so prüfen?
Nein. Bei etablierten Fachzeitschriften, Verlagsbüchern und Publikationen amtlicher Stellen ist der Aufwand unnötig. Die Prüfung lohnt sich bei drei Konstellationen: Der Titel ist dir unbekannt, du hast den Artikel über eine allgemeine Suchmaschine statt über einen Bibliothekskatalog gefunden, oder die Aussage ist für deine Argumentation zentral.
Zählt eine Predatory-Publikation als Plagiat oder Fehlverhalten?
Nein. Aus einer schwachen Quelle zu zitieren ist ein Qualitätsproblem, kein Integritätsverstoss — solange du korrekt belegst. Zum Problem wird es erst, wenn du eine ungeprüfte Behauptung als gesicherten Forschungsstand darstellst.
Was ist mit Konferenzbänden und Einladungen zu Konferenzen?
Dasselbe Geschäftsmodell existiert für Tagungen. Die Warnzeichen sind identisch: unaufgeforderte Einladung, sehr breites Themenspektrum, hohe Gebühren, prominente Namen im Programmkomitee ohne deren Wissen. Prüfe zusätzlich, ob die Fachgesellschaft die Tagung nennt.
Wie viel darf ich auf Rankings und Kennzahlen geben?
Als grobe Orientierung sind sie brauchbar, als Qualitätsurteil über einen einzelnen Artikel nicht. Eine Kennzahl beschreibt die Zeitschrift, nicht den Beitrag. Für deine Arbeit zählt, ob die Methode des Artikels trägt — nicht, in welchem Heft er steht.
Woran erkenne ich es, wenn ich keinen Zugang zur Zeitschrift habe?
An den frei zugänglichen Signalen: Verlagsangaben, Redaktion, Beschreibung des Begutachtungsverfahrens, Indexierung, Gebührenangaben. Alle sieben Punkte der Checkliste lassen sich ohne Volltextzugang prüfen.
Die Kurzfassung
Es gibt keine offizielle Liste, aber sieben Kriterien, die in zehn Minuten zu prüfen sind: Bekanntheit und ISSN, erreichbarer Verlag, beschriebenes Begutachtungsverfahren, nachprüfbare Indexierung, transparente Gebühren, klare Autorenrichtlinien, verifizierbare Mitgliedschaften. Prüfe jede Behauptung an der Quelle statt auf der Website der Zeitschrift — und frag im Zweifel deine Hochschulbibliothek.
Und wenn du beim Sortieren deiner Quellen ohnehin Struktur brauchst: Tesify begleitet dich Kapitel für Kapitel durch die Abschlussarbeit — von der Literaturbasis bis zum fertigen Verzeichnis.
