Reporting-Richtlinien jenseits von PRISMA 2026: Welche gilt für dein Studiendesign?

PRISMA ist die bekannteste Reporting-Richtlinie — und für die meisten Abschlussarbeiten die falsche. Sie gilt für systematische Übersichtsarbeiten. Wer Interviews führt, eine Beobachtungsstudie auswertet, einen Fallbericht schreibt oder ein Studienprotokoll einreicht, braucht eine andere Checkliste. Das EQUATOR Network, das diese Richtlinien zentral registriert, ordnet elf Hauptstudientypen jeweils eigene Instrumente zu.

Dieser Beitrag zeigt die vollständige Zuordnung, erklärt, was eine Reporting-Richtlinie leistet und was nicht, und beschreibt, wie du sie in deiner Abschlussarbeit tatsächlich einsetzt. Alle Angaben stammen aus dem Register des EQUATOR Network, abgerufen am 12. August 2026.

Entscheidungsbaum, der von einem Studiendesign zu der jeweils passenden Reporting-Richtlinie fuehrt
Die Richtlinie folgt aus dem Studiendesign — nicht aus dem Fach und nicht aus der Vorliebe der Betreuungsperson.

Inhalt

Was eine Reporting-Richtlinie ist — und was nicht

Eine Reporting-Richtlinie ist eine Liste von Angaben, die in einem Forschungsbericht vorkommen müssen, damit andere die Studie beurteilen und im Prinzip wiederholen können. Sie beantwortet die Frage: Habe ich alles berichtet, was jemand braucht, um mein Vorgehen nachzuvollziehen?

Drei Abgrenzungen sind entscheidend, weil sie in Abschlussarbeiten regelmässig verwechselt werden:

  • Eine Reporting-Richtlinie ist keine Methodenanleitung. Sie sagt dir nicht, wie du ein Interview führst oder eine Stichprobe ziehst. Sie sagt dir, was du über dein Vorgehen schreiben musst, nachdem du es gewählt hast.
  • Sie ist kein Qualitätsurteil. Eine vollständig berichtete Studie kann methodisch schwach sein. Vollständigkeit des Berichts und Güte des Designs sind zwei verschiedene Dinge — für Letzteres gelten eigene Gütekriterien qualitativer Forschung.
  • Sie ist kein Gliederungsvorschlag. Die Punkte einer Checkliste sind keine Kapitelüberschriften. Sie werden über Einleitung, Methodenteil, Ergebnisse und Diskussion verteilt.

Der praktische Nutzen für eine Abschlussarbeit ist trotzdem erheblich: Die Checkliste ersetzt das Rätselraten darüber, was ins Methodenkapitel gehört. Statt zu hoffen, nichts vergessen zu haben, arbeitest du eine Liste ab, die eine Fachgemeinschaft konsentiert hat.

Die Zuordnung: elf Studientypen, elf Instrumente

Das EQUATOR Network führt unter «Reporting guidelines for main study types» die folgende Zuordnung. Sie ist die schnellste Antwort auf die Frage, welche Richtlinie für dich gilt.

Studientyp Richtlinie Typische Abschlussarbeit
Randomisierte Studien CONSORT (mit Erweiterungen) Interventionsstudie mit Zufallszuteilung
Beobachtungsstudien STROBE (mit Erweiterungen) Querschnittsbefragung, Kohorten- oder Fall-Kontroll-Design
Systematische Übersichtsarbeiten PRISMA (mit Erweiterungen) Systematisches Literaturreview
Studienprotokolle SPIRIT, PRISMA-P Exposé oder Protokoll vor Studienbeginn
Diagnostische und prognostische Studien STARD, TRIPOD Test- oder Vorhersagemodellstudie
Fallberichte CARE (mit Erweiterungen) Kasuistik, Einzelfalldarstellung
Klinische Praxisleitlinien AGREE, RIGHT Leitlinienanalyse oder -entwicklung
Qualitative Forschung SRQR, COREQ Interviewstudie, Fokusgruppen
Präklinische Tierstudien ARRIVE Laborarbeit mit Tiermodell
Qualitätsverbesserungsstudien SQUIRE (mit Erweiterungen) Projekt zur Prozessverbesserung
Ökonomische Evaluationen CHEERS (mit Erweiterungen) Kosten-Nutzen-Analyse

Quelle: EQUATOR Network, Übersicht «Reporting guidelines for main study types», abgerufen am 12. August 2026. Die Spalte «Typische Abschlussarbeit» ist unsere Einordnung, nicht Teil des Registers.

Zwei Beobachtungen zu dieser Tabelle. Erstens: fast jeder Studientyp hat Erweiterungen. Das Register verzeichnet zu den meisten Hauptrichtlinien Varianten für Teilbereiche — etwa für Abstracts, für bestimmte Populationen oder für Studien, die künstliche Intelligenz einsetzen. Prüfe, ob für dein Vorhaben eine Erweiterung existiert, bevor du mit der Basisversion arbeitest.

Zweitens: die Richtlinien sind nicht auf Medizin beschränkt, auch wenn das Register dort entstanden ist. STROBE gilt für jede Beobachtungsstudie, COREQ für jede Interviewstudie — unabhängig davon, ob die Fragestellung aus der Pflege, der Soziologie, der Betriebswirtschaft oder der Bildungsforschung kommt.

Qualitative Forschung: COREQ und SRQR

Checkliste neben einem Manuskript, die das punktweise Abarbeiten einer Reporting-Richtlinie im Methodenkapitel darstellt
COREQ ist eine 32-Punkte-Checkliste für Interviews und Fokusgruppen — genau das Design der meisten qualitativen Abschlussarbeiten.

Für qualitative Arbeiten führt das Register zwei Instrumente: SRQR und COREQ. COREQ steht ausgeschrieben für Consolidated criteria for reporting qualitative research und wird im Register beschrieben als «a 32-item checklist for interviews and focus groups» — eine Checkliste mit 32 Punkten für Interviews und Fokusgruppen.

Damit ist COREQ das passende Instrument für die mit Abstand häufigste qualitative Abschlussarbeit: die Leitfadeninterview-Studie. Der Grund, warum es sich lohnt, sie zu kennen, liegt in der Art der Punkte. COREQ verlangt Angaben, die in studentischen Arbeiten fast immer fehlen — insbesondere zur forschenden Person selbst und zur Beziehung zu den Befragten. Wer hat die Interviews geführt? Welche Qualifikation und welche Vorannahmen brachte diese Person mit? Bestand vorher eine Beziehung zu den Teilnehmenden?

Genau diese Angaben entscheiden bei qualitativer Forschung über die Nachvollziehbarkeit, denn das Erhebungsinstrument ist hier die forschende Person selbst. Eine Arbeit, die den Leitfaden dokumentiert, aber verschweigt, dass die Interviewten Arbeitskolleginnen der forschenden Person waren, lässt eine zentrale Einflussgrösse offen.

Praktisch heisst das: Wenn du Experteninterviews auswertest oder mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring arbeitest, regelt die Auswertungsmethode das Wie — COREQ regelt, was du darüber berichten musst. Die beiden konkurrieren nicht, sie ergänzen sich.

Beobachtungsstudien: STROBE

STROBE steht für Strengthening the Reporting of Observational Studies in Epidemiology und ist laut Register die Richtlinie für Beobachtungsstudien — konkret nennt das Statement Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien und Querschnittsstudien.

Bemerkenswert und praktisch relevant: STROBE stellt für diese drei Designs jeweils eigene Checklisten bereit, zusätzlich zu einer kombinierten Fassung. Wer eine Querschnittsbefragung durchführt, arbeitet also nicht mit einer allgemeinen Liste, sondern mit der auf dieses Design zugeschnittenen Variante. Ausserdem existiert eine eigene Checkliste für Kongressabstracts.

Das STROBE-Statement wurde 2007 parallel in mehreren Fachzeitschriften veröffentlicht, darunter Annals of Internal Medicine (2007;147(8):573–577), PLoS Medicine (2007;4(10):e296), das BMJ (2007;335(7624):806–808) und The Lancet (2007;370(9596):1453–1457). Diese Mehrfachveröffentlichung ist kein Fehler im Literaturverzeichnis, sondern Absicht: Sie sollte die Verbreitung sichern. Zitiere die Fassung, die du tatsächlich gelesen hast.

Für viele Abschlussarbeiten ist STROBE die eigentlich zutreffende Richtlinie, ohne dass es bemerkt wird. Eine Online-Befragung zu einem Zeitpunkt ist eine Querschnittsstudie und damit eine Beobachtungsstudie — auch wenn in der Arbeit nur von einer «Fragebogenerhebung» die Rede ist. Wer das erkennt, hat für sein Methodenkapitel eine belastbare Struktur gewonnen.

Wie du eine Richtlinie in der Abschlussarbeit einsetzt

Reporting-Richtlinien sind für Fachartikel gemacht, nicht für Abschlussarbeiten. Der Übertrag gelingt trotzdem, wenn du in dieser Reihenfolge vorgehst.

  1. Bestimme dein Design, bevor du die Richtlinie suchst. Nicht dein Fach und nicht dein Thema entscheiden, sondern die Struktur der Datenerhebung. Ob du welche Erhebungsmethode gewählt hast, legt fest, welche Liste gilt.
  2. Prüfe auf Erweiterungen. Existiert eine Variante für dein Teilgebiet, ist sie der Basisversion vorzuziehen.
  3. Nutze die Liste vor dem Schreiben, nicht danach. Der grösste Nutzen entsteht, wenn du das Methodenkapitel entlang der Punkte planst. Nachträglich fehlende Angaben zu ergänzen ist möglich, aber manche Punkte betreffen Entscheidungen, die zum Zeitpunkt der Erhebung dokumentiert werden müssen — und später nicht mehr rekonstruierbar sind.
  4. Kläre mit der Betreuungsperson, ob die Checkliste in den Anhang gehört. In Fachzeitschriften wird die ausgefüllte Liste oft mit eingereicht. Bei Abschlussarbeiten ist das nicht standardisiert; ein Anhang mit Punkt-zu-Seitenzahl-Zuordnung wirkt in aller Regel positiv, sollte aber abgesprochen sein.
  5. Erwähne die Richtlinie im Methodenkapitel. Ein Satz genügt: «Die Berichterstattung folgt der COREQ-Checkliste.» Das signalisiert, dass du den Stand der Berichtsstandards deines Feldes kennst.

Ein Hinweis für nicht-englischsprachige Arbeiten: Das Register weist darauf hin, dass einige Richtlinien auch in anderen Sprachen als Englisch vorliegen. Ob für deine Richtlinie eine deutschsprachige Fassung existiert, ist im Register selbst nachzusehen.

Grenzen und Missverständnisse

  • Eine Checkliste ersetzt kein Design. Wenn die Stichprobe nicht zur Fragestellung passt, ändert vollständige Berichterstattung daran nichts — sie macht das Problem nur sichtbarer. Das ist im Übrigen erwünscht.
  • Die Punktzahl ist keine Note. «28 von 32 Punkten erfüllt» ist keine sinnvolle Aussage. Manche Punkte treffen auf eine gegebene Studie schlicht nicht zu; das ist zu begründen, nicht zu verrechnen.
  • Nicht jede Arbeit braucht eine. Eine reine Literaturarbeit ohne systematisches Vorgehen, eine theoretische oder eine gestaltungsorientierte Arbeit fällt unter keinen der elf Haupttypen. Eine Richtlinie zu erzwingen, die nicht passt, schadet mehr, als sie nützt.
  • Die Vorgaben deines Instituts gehen vor. Wenn dein Studiengang eine eigene Vorlage für das Methodenkapitel vorschreibt, ist diese verbindlich. Die Richtlinie ergänzt sie dann, statt sie zu ersetzen.

Vom Methodenkapitel zur fertigen Arbeit

Eine Checkliste sagt dir, was hineingehört. Sie schreibt es nicht. Strukturiere deine Abschlussarbeit mit Tesify und halte Gliederung, Verweise und Literaturverzeichnis von Anfang an konsistent — der Inhalt bleibt zu 100 % von dir geschrieben.

Häufige Fragen

Welche Reporting-Richtlinie gilt für eine Interviewstudie?

Für qualitative Forschung führt das EQUATOR Network SRQR und COREQ. COREQ ist im Register als 32-Punkte-Checkliste für Interviews und Fokusgruppen beschrieben und damit das passende Instrument für die typische Leitfadeninterview-Studie in einer Abschlussarbeit.

Brauche ich PRISMA für meine Bachelorarbeit?

Nur, wenn du eine systematische Übersichtsarbeit schreibst. PRISMA ist die Richtlinie für systematische Reviews. Für eine Befragung gilt STROBE, für eine Interviewstudie COREQ oder SRQR, für einen Fallbericht CARE. Die Zuordnung richtet sich nach dem Studiendesign, nicht nach dem Fach.

Gilt STROBE auch ausserhalb der Medizin?

Ja. STROBE ist die Richtlinie für Beobachtungsstudien, also Kohorten-, Fall-Kontroll- und Querschnittsstudien. Eine Online-Befragung zu einem Zeitpunkt ist eine Querschnittsstudie, unabhängig davon, ob die Fragestellung aus der Pflege, der Soziologie oder der Betriebswirtschaft stammt.

Muss die ausgefüllte Checkliste in den Anhang?

Bei Fachzeitschriften ist das oft verlangt, bei Abschlussarbeiten nicht standardisiert. Ein Anhang, der jeden Punkt einer Seitenzahl zuordnet, wirkt in der Regel positiv — kläre es aber vorher mit deiner Betreuungsperson ab.

Was ist der Unterschied zwischen einer Reporting-Richtlinie und Gütekriterien?

Eine Reporting-Richtlinie legt fest, welche Angaben berichtet werden müssen, damit andere die Studie nachvollziehen können. Gütekriterien beurteilen die methodische Qualität des Vorgehens selbst. Eine Studie kann vollständig berichtet und trotzdem methodisch schwach sein — und umgekehrt.

Was mache ich, wenn ein Punkt der Checkliste auf meine Arbeit nicht zutrifft?

Begründen statt weglassen. Die Anzahl erfüllter Punkte ist keine Bewertungsgrösse; nicht zutreffende Punkte werden als solche gekennzeichnet. Genau diese Begründung zeigt, dass die Liste verstanden und nicht mechanisch abgehakt wurde.

Quelle

EQUATOR Network, Verzeichnis der Reporting-Richtlinien (equator-network.org/reporting-guidelines), einschliesslich der Übersicht «Reporting guidelines for main study types» sowie der Einzelseiten zu COREQ und zum STROBE-Statement. Abgerufen am 12. August 2026. Die Publikationsangaben zum STROBE-Statement stammen aus der Quellenliste derselben Registerseite.

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