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Narratives Interview 2026: Erzählaufforderung, Nachfragephasen und Auswertung nach Textsorten

Das narrative Interview erhebt eine zusammenhängende Stegreiferzählung: Eine einzige offene Erzählaufforderung eröffnet das Gespräch, die befragte Person erzählt ohne Unterbrechung, und erst danach wird nachgefragt. Es ist damit das Gegenstück zum Leitfadeninterview — und die einzige Erhebungsform, in der die Gliederung vom Erzählenden stammt.

Der methodische Kern: nicht fragen, erzählen lassen

Das Verfahren geht auf Fritz Schütze zurück und beruht auf einer einfachen Beobachtung: Wer frei erzählt, gerät unter drei Zugzwänge, die er nicht ohne Weiteres abschütteln kann. Er muss eine begonnene Geschichte zu Ende bringen, er muss so verdichten, dass sie in der verfügbaren Zeit erzählbar bleibt, und er muss genug Details liefern, damit sie überhaupt verständlich wird.

Genau diese Zwänge sind das Erhebungsinstrument. Sie fördern Material zutage, das auf Nachfrage nicht käme — weil die erzählende Person Zusammenhänge herstellen muss, über die sie sonst nicht spricht, und weil die Erzählung eine Reihenfolge und eine Gewichtung vorgibt, die von ihr stammt und nicht von deinem Leitfaden.

Daraus folgt die zentrale Regel der Durchführung: In der Haupterzählung wird nicht unterbrochen. Keine Zwischenfrage, keine Präzisierung, keine Rückversicherung. Zulässig sind nur nonverbale Aufmerksamkeitssignale und ein gelegentliches „hm“.

Abgrenzung zum Leitfadeninterview — beide sind richtig, für verschiedene Fragen

Diese Unterscheidung wird häufig verwischt, und die Verwirrung ist verständlich: Auch in einem Leitfadeninterview beginnt man oft mit einer erzählgenerierenden Einstiegsfrage. Das macht daraus aber kein narratives Interview.

Merkmal Narratives Interview Leitfadeninterview
Erkenntnisziel Verlauf und Eigenlogik einer Erfahrung Wissen und Einschätzungen zu definierten Themen
Instrument eine Erzählaufforderung, danach Nachfragen Fragenkatalog mit thematischen Blöcken
Wer gliedert die erzählende Person die interviewende Person
Rolle in der Hauptphase zuhören, nicht unterbrechen steuern, nachhaken, Themen abdecken
Vergleichbarkeit über Fälle gering, dafür grosse Tiefe hoch, dafür geringere Tiefe

Praktisch heisst das: Wenn du wissen willst, wie jemand zu etwas gekommen ist, nimm das narrative Interview. Wenn du wissen willst, was jemand zu einem Thema weiss oder meint, nimm den Leitfaden. Beides in einem Interview zu wollen — erst frei erzählen lassen und dann doch den Katalog durchgehen — ist möglich, aber es ist ein drittes Verfahren und sollte im Methodenteil auch so benannt werden.

Abstrakte Abfolge aus einem langen und mehreren kurzen Abschnitten
Eine lange Haupterzählung, dann kürzere Nachfragephasen — die Proportion ist Teil der Methode.

Die vier Phasen

  1. Erzählaufforderung. Ein einziger, offener Stimulus, der einen Zeitraum und einen Anfangspunkt setzt, aber keine Kategorien vorgibt: „Erzählen Sie mir bitte, wie es dazu gekommen ist, dass Sie … — am besten von Anfang an, ich höre einfach zu und frage später nach.“ Der Zusatz ist wichtig: Er kündigt an, dass Unterbrechungen ausbleiben, und nimmt der Pause ihre Peinlichkeit.
  2. Haupterzählung. Ohne Unterbrechung, bis die erzählende Person selbst zum Abschluss kommt — oft erkennbar an einer Bilanzierungsformel („Ja, und so ist das dann gelaufen“). Diese Koda ist das Signal, nicht die Uhr.
  3. Immanente Nachfragen. Nur zu dem, was bereits erzählt wurde, und in der Sprache der erzählenden Person. Typisch: Stellen, an denen die Erzählung sprang, abbrach oder auffällig knapp wurde.
  4. Exmanente Nachfragen und Bilanzierung. Erst jetzt kommen deine eigenen theoretischen Interessen ins Spiel, dazu Fragen nach Bewertung und Deutung: „Wenn Sie heute zurückblicken …“

Die Reihenfolge ist keine Empfehlung, sondern konstitutiv. Wer in Phase 2 exmanent nachfragt, zerstört genau die Eigenstrukturierung, wegen der man das Verfahren gewählt hat.

Was das für die Praxis bedeutet

  • Rechne mit Länge. Eine Haupterzählung kann eine Stunde dauern. Plane den Termin ohne Anschlusstermin und mit ausreichend Aufnahmekapazität.
  • Halte die Stille aus. Die produktivsten Passagen kommen häufig nach einer längeren Pause. Wer sie überbrückt, bekommt stattdessen eine Antwort auf seine Zwischenfrage.
  • Notiere während der Haupterzählung nur Stichworte für die immanente Nachfragephase — Namen, Sprünge, angerissene Episoden. Ausformulierte Fragen lenken den Blick vom Zuhören ab.
  • Erhebe wenige Fälle. Der Aufwand pro Fall ist hoch, der Ertrag pro Fall ebenfalls. Wie sich Fallzahlen in qualitativen Designs begründen lassen, steht im Überblick zur qualitativen Forschung.

Transkription: hier lohnt sich der Aufwand

Beim narrativen Interview ist die Transkription nicht bloss Vorarbeit, sondern Teil der Analyse. Pausen, Abbrüche, Selbstkorrekturen und Wechsel im Sprechtempo sind Befunde — sie markieren die Stellen, an denen das Erzählen schwierig wird. Ein Transkript, das die Sprache glättet, löscht genau diese Information.

Verwende deshalb ein Regelwerk, das Pausen und Abbrüche erfasst, und dokumentiere im Methodenteil, welches. Welche Systeme sich wofür eignen und wie sie sich in der Notation unterscheiden, ordnet der Beitrag zum Transkribieren von Interviews ein.

Ausgedrucktes Transkript mit farbig markierten Passagen
Erzählung, Beschreibung, Argumentation — die Auswertung beginnt damit, sie im Transkript zu trennen.

Auswertung: zuerst die Textsorten trennen

Die naheliegende Auswertung wäre, das Transkript wie jedes andere zu kodieren. Das ist möglich, verschenkt aber den Vorteil des Verfahrens. Die narrationsanalytische Auswertung trennt zunächst drei Textsorten:

  • Erzählung — Wiedergabe eines Ablaufs in der Zeit („dann bin ich …“).
  • Beschreibung — Schilderung von Zuständen und Routinen ohne Zeitverlauf („damals war das immer so …“).
  • Argumentation — Begründung, Rechtfertigung, Bewertung („weil man ja wissen muss, dass …“).

Der analytische Ertrag steckt im Verhältnis der drei. Häufungen von Argumentation an einer Stelle zeigen typischerweise Passagen an, die Rechtfertigungsbedarf auslösen; ein Wechsel von Erzählung zu Beschreibung markiert oft, dass ein Abschnitt nicht als Verlauf erinnert wird. Erst nach dieser Trennung folgen die üblichen Schritte — Einzelfallanalyse, dann der Vergleich über die Fälle.

Wenn dein Erkenntnisinteresse eher auf Theoriebildung aus dem Material zielt, ist die Grounded Theory die naheliegende Anschlussmethodik; die Erhebungsform lässt sich mit ihr gut verbinden. Wo das narrative Interview im Feld der Erhebungsmethoden insgesamt steht, zeigt der Überblick zu den Datenerhebungsmethoden.

Grenzen, die in den Methodenteil gehören

Drei sollten benannt werden, weil Gutachtende sie ohnehin ansprechen:

  • Nicht jedes Thema ist erzählbar. Routinen und Meinungen erzeugen keine Stegreiferzählung; das Verfahren braucht einen Verlauf mit Wendepunkten.
  • Erzählung ist Rekonstruktion, nicht Protokoll. Erhoben wird, wie jemand heute über damals spricht — das ist der Gegenstand, nicht ein Mangel.
  • Die Vergleichbarkeit ist begrenzt. Weil jede Person anders gliedert, entstehen keine parallel strukturierten Fälle. Das ist der Preis für die Eigenstrukturierung und sollte offen so stehen.

Häufige Fragen

Was ist ein narratives Interview?

Eine Erhebungsform, bei der eine einzige offene Erzählaufforderung eine zusammenhängende Stegreiferzählung auslöst. Die Haupterzählung läuft ohne Unterbrechung; Nachfragen folgen erst danach, zuerst zum Erzählten selbst, dann zu eigenen theoretischen Interessen.

Wie unterscheidet es sich vom Leitfadeninterview?

Im narrativen Interview gliedert die erzählende Person, im Leitfadeninterview die interviewende. Ersteres zielt auf Verlauf und Eigenlogik einer Erfahrung, letzteres auf Wissen und Einschätzungen zu vorher festgelegten Themen.

Darf ich während der Erzählung nachfragen?

Nein. In der Haupterzählung wird nicht unterbrochen — das ist konstitutiv für das Verfahren. Zulässig sind nur Aufmerksamkeitssignale. Notiere Stichworte und stelle deine Fragen in der Nachfragephase.

Was sind immanente und exmanente Nachfragen?

Immanente Nachfragen beziehen sich ausschliesslich auf bereits Erzähltes, in der Sprache der erzählenden Person. Exmanente Nachfragen bringen die theoretischen Interessen der Forschenden ein und kommen erst danach.

Wie wertet man ein narratives Interview aus?

Üblich ist, zuerst die Textsorten Erzählung, Beschreibung und Argumentation zu trennen und ihr Verhältnis auszuwerten, dann eine Einzelfallanalyse und erst zuletzt den Fallvergleich vorzunehmen.

Wie viele narrative Interviews brauche ich?

Deutlich weniger als bei Leitfadeninterviews. Der Aufwand pro Fall ist hoch und der Ertrag ebenfalls; entscheidend ist die Begründung der Fallauswahl im Methodenteil, nicht eine feste Zahl.

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