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Kasuistik schreiben 2026: Fallbericht nach der CARE-Checkliste aufbauen

Eine Kasuistik ist die strukturierte Darstellung eines einzelnen Behandlungsfalls mit dem Ziel, daraus eine übertragbare Lehre abzuleiten. Für die Berichtsform gibt es seit 2013 einen internationalen Standard: die CARE-Checkliste. Sie legt fest, welche dreizehn Bestandteile ein publikationsfähiger Fallbericht enthält.

Was die CARE-Checkliste ist und warum sie im deutschsprachigen Raum zählt

CARE steht für CAse REport. Die Leitlinie wurde 2013 von Gagnier, Kienle, Altman, Moher, Sox, Riley und der CARE-Gruppe vorgelegt und gleichzeitig in sieben Fachzeitschriften publiziert — darunter im Deutschen Ärzteblatt International (2013;110(37):603–608), wo auch eine deutschsprachige Volltextfassung vorliegt. Geführt wird sie im EQUATOR-Netzwerk, dem Register der Berichtsleitlinien für medizinische Forschung.

Praktisch heisst das: Wenn eine Zeitschrift eine Kasuistik annimmt, prüft sie meist gegen diese Struktur, und viele Redaktionen verlangen die ausgefüllte Checkliste als Einreichungsunterlage. Wer den Fall von Anfang an entlang der Checkliste dokumentiert, spart sich die Rekonstruktion beim Schreiben — die den meisten Aufwand verursacht, weil die fehlenden Angaben genau die sind, die man im Alltag nicht notiert.

Die dreizehn Bestandteile

Abschnitt Was hineingehört
Titel Diagnose oder Intervention im Fokus, gefolgt von den Worten „case report“ beziehungsweise „Fallbericht“
Schlüsselwörter zwei bis fünf, die Diagnosen oder Interventionen benennen (einschliesslich „case report“)
Abstract strukturiert oder unstrukturiert; Einleitung, Hauptanliegen und Befunde, Diagnosen/Interventionen/Ergebnisse, Schlussfolgerung mit Lehre
Einleitung kurz, warum dieser Fall besonders ist; Literaturbezug möglich
Patienteninformationen de-identifiziert; Hauptbeschwerden und Symptome, medizinische, familiäre und psychosoziale Anamnese, relevante genetische Informationen, frühere Interventionen und ihr Ergebnis
Klinische Befunde relevante Untersuchungsbefunde
Zeitachse historische und aktuelle Informationen dieser Behandlungsepisode als Abbildung oder Tabelle
Diagnostische Einschätzung Methoden, diagnostische Schwierigkeiten, Diagnose einschliesslich erwogener Differenzialdiagnosen, gegebenenfalls prognostische Merkmale
Therapeutische Intervention Art (medikamentös, chirurgisch, präventiv), Durchführung mit Dosis, Stärke und Dauer, Änderungen mit Begründung
Verlauf und Ergebnisse von Behandelnden und von Patientinnen beurteilte Ergebnisse, Folgeuntersuchungen, Adhärenz und Verträglichkeit samt Erhebungsweg, unerwünschte und unerwartete Ereignisse
Diskussion Stärken und Grenzen des Vorgehens, Einordnung in die Literatur, Begründung der Schlüsse, Kernlehre in einem Absatz ohne Referenzen
Patientenperspektive die Patientin oder der Patient schildert die eigene Sicht auf die Behandlung
Einwilligung nach Aufklärung informierte Einwilligung; auf Anforderung vorzulegen

Drei dieser Punkte werden in Manuskripten regelmässig übersehen und sind die häufigsten Rückläufer: die Zeitachse als Abbildung oder Tabelle, die Patientenperspektive und die Vorgabe, dass die Kernlehre in der Diskussion ohne Literaturverweise stehen soll.

Abstrakte Zeitachse mit Ereignispunkten unterschiedlicher Grösse
Die Zeitachse ist kein Fliesstext: CARE verlangt sie ausdrücklich als Abbildung oder Tabelle.

Die Zeitachse: der Abschnitt, der den Fall trägt

Sie ist der einzige Bestandteil, für den die Checkliste ein Format vorschreibt — Figur oder Tabelle —, und sie ist der Grund, warum Leserinnen einen Fall verstehen oder nicht. Eine brauchbare Zeitachse enthält pro Zeile den Zeitpunkt (relativ, etwa „Tag 0“, „Woche 6“), das Ereignis und die daraus folgende Entscheidung.

Zwei Fehler machen sie wertlos: absolute Kalenderdaten, die zur De-Identifizierung ohnehin entfernt werden müssen, und eine Achse, die nur Untersuchungen listet, aber nicht die Entscheidungen, die aus ihnen folgten. Der Erkenntniswert einer Kasuistik liegt fast immer in der Abfolge Befund → Erwägung → Entscheidung.

Anonymisierung und Einwilligung

CARE verlangt de-identifizierte Patienteninformationen und eine informierte Einwilligung, die auf Anforderung vorzulegen ist. Beides ist keine Formalie, sondern die Bedingung, unter der der Fall überhaupt publizierbar ist.

Für die Praxis heisst das:

  • Einwilligung früh einholen, nicht wenn das Manuskript fertig ist. Bei seltenen Konstellationen ist die Person später oft nicht mehr erreichbar.
  • Alle indirekt identifizierenden Angaben prüfen: exakte Daten, Beruf, Wohnort, seltene Kombinationen von Befunden, Bildmaterial mit erkennbaren Merkmalen.
  • Die Patientenperspektive ist selbst eine Quelle und braucht ihrerseits die Zustimmung zur Wiedergabe.

Die weiteren Anforderungen an Aufklärung, Interessenkonflikte und Ethikvotum im medizinischen Publizieren sind im Beitrag zur wissenschaftlichen Integrität in der Medizin ausgeführt — dort steht auch, wann ein Votum der Ethikkommission verlangt wird.

Formular mit Unterschriftenfeld neben einem geschlossenen Aktenordner
Einwilligung und De-Identifizierung sind Publikationsvoraussetzungen, keine Schlussformalie.

Was eine Kasuistik nicht ist

Zwei Abgrenzungen entscheiden über die Textsorte:

Kasuistik ist keine Fallstudie im methodischen Sinn. Die sozialwissenschaftliche Fallstudie untersucht einen Fall mit einem Forschungsdesign, um eine Fragestellung zu beantworten. Die Kasuistik berichtet einen tatsächlich eingetretenen Behandlungsverlauf und leitet daraus eine Lehre ab. Der Unterschied ist nicht der Gegenstand, sondern ob ein Design vorab existierte.

Kasuistik ist keine Fallserie. Sobald mehrere Fälle systematisch zusammengefasst werden, gelten andere Berichtsanforderungen; die Aussagekraft verschiebt sich vom Einzelfall zur Häufung.

Und für die Evidenzeinordnung gilt nüchtern: Ein Einzelfall belegt, dass etwas vorkommen kann — nicht, wie häufig es vorkommt oder ob eine Intervention wirkt. Genau deshalb verlangt CARE in der Diskussion die „Stärken und Grenzen des Vorgehens“ als eigenen Punkt. Formulierungen, die aus einem Fall eine allgemeine Wirksamkeitsaussage machen, sind der häufigste inhaltliche Ablehnungsgrund.

Vom Fall zum Manuskript: eine praktikable Reihenfolge

  1. Zeitachse zuerst. Sie deckt sofort auf, welche Angaben in der Akte fehlen — und die fehlen fast immer.
  2. Diagnostik und Therapie ergänzen, mit Dosis, Stärke, Dauer und den Gründen für Änderungen.
  3. Literatur suchen, erst jetzt. Wer vorher liest, formt den Fall unbewusst auf die gefundene Publikation hin.
  4. Diskussion schreiben, mit Grenzen des Vorgehens und der Kernlehre ohne Referenzen.
  5. Einleitung und Abstract zuletzt. Der Abstract lässt sich erst schreiben, wenn die Schlussfolgerung steht.
  6. Belege formatieren nach den Vorgaben der Zeitschrift — in der Medizin überwiegend die Vancouver-Zitierweise.

Was danach folgt, ist das Begutachtungsverfahren der Zeitschrift; wie es abläuft und was Gutachterinnen prüfen, steht im Beitrag Was ist Peer Review?. Eine kritische Einordnung fremder Publikationen — etwa für Ihre Diskussion — folgt wiederum den Regeln der wissenschaftlichen Rezension: am eigenen Anspruch der Arbeit messen, nicht an der eigenen Erwartung.

Häufige Fragen

Was ist eine Kasuistik?

Die strukturierte Darstellung eines einzelnen Behandlungsfalls mit dem Ziel, eine übertragbare Lehre abzuleiten. International massgeblich für den Aufbau ist die CARE-Checkliste von 2013.

Welche Bestandteile verlangt die CARE-Checkliste?

Titel, Schlüsselwörter, Abstract, Einleitung, Patienteninformationen, klinische Befunde, Zeitachse, diagnostische Einschätzung, therapeutische Intervention, Verlauf und Ergebnisse, Diskussion, Patientenperspektive und informierte Einwilligung.

Muss die Zeitachse eine Abbildung sein?

Die Checkliste verlangt die historischen und aktuellen Informationen der Behandlungsepisode als Abbildung oder Tabelle. Ein reiner Fliesstext erfüllt diesen Punkt nicht.

Brauche ich eine Einwilligung der Patientin oder des Patienten?

Ja. CARE verlangt eine informierte Einwilligung, die auf Anforderung vorzulegen ist, sowie de-identifizierte Patienteninformationen. Holen Sie die Einwilligung früh ein, nicht erst zum Manuskriptschluss.

Was ist der Unterschied zwischen Kasuistik und Fallstudie?

Die Fallstudie untersucht einen Fall mit einem vorab festgelegten Forschungsdesign, um eine Fragestellung zu beantworten. Die Kasuistik berichtet einen eingetretenen Behandlungsverlauf und leitet daraus eine Lehre ab.

Wo wurde die CARE-Leitlinie veröffentlicht?

Sie erschien 2013 gleichzeitig in sieben Fachzeitschriften, darunter im Deutschen Ärzteblatt International (2013;110(37):603–608) mit deutschsprachigem Volltext, und ist im EQUATOR-Netzwerk verzeichnet.

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