«Muss ich in meiner Bachelorarbeit gendern?» ist eine der wenigen Fragen, auf die es in der Schweiz eine überraschend klare und zugleich überraschend unbefriedigende Antwort gibt: Es gibt keine nationale Regel für Abschlussarbeiten. Was es gibt, sind drei Ebenen mit teilweise gegensätzlichen Vorgaben — und nur die unterste betrifft dich wirklich.
Dieser Beitrag ordnet die Ebenen, zeigt die vier gebräuchlichen Formen mit ihren Konsequenzen, und liefert die Sätze, mit denen du deine Entscheidung im Vorwort oder in einer Fussnote absicherst.
Die kurze Antwort
Verbindlich ist für dich, was in deinem Studienreglement, im Merkblatt deines Instituts oder in der Vorgabe deiner Betreuungsperson steht. Fehlt dort etwas dazu — und das ist der Normalfall —, dann darfst du selbst entscheiden. Bewertet wird in diesem Fall nicht deine Wahl, sondern ob du sie konsequent durchhältst und ob der Text lesbar bleibt.
Ebene 1: Der Bund — und warum seine Regel nicht für dich gilt
Die Bundeskanzlei hat im Juni 2021 eine Weisung erlassen, die für deutschsprachige Texte der Bundesverwaltung gilt. Kernpunkt: Typografische Gender-Zeichen sind dort nicht zugelassen — weder Gendersternchen noch Binnen-I, Unterstrich oder Mediopunkt. Begründet wird das damit, dass diese Zeichen den angestrebten Zweck nicht erfüllen und eine Reihe sprachlicher Folgeprobleme erzeugen. Empfohlen werden stattdessen die Paarform («Studentinnen und Studenten») und, wo möglich, geschlechtsneutrale Formulierungen.

Entscheidend ist der Geltungsbereich: Diese Weisung ist ausschliesslich für Texte der Bundesverwaltung verbindlich. Sie ist kein Gesetz, sie richtet sich nicht an Hochschulen und sie sagt nichts darüber, wie du deine Masterarbeit schreiben musst. Wer sie als «in der Schweiz ist das Gendersternchen verboten» zusammenfasst, verwechselt eine interne Verwaltungsweisung mit geltendem Recht — ein Fehler, der auch in Betreuungsgesprächen vorkommt.
Ebene 2: Die Hochschule — Empfehlung, nicht Notenkriterium
Viele Schweizer Hochschulen haben eigene Leitfäden. Sie unterscheiden sich in einem für dich wichtigen Punkt vom Bund: Mehrere von ihnen verwenden in ihrer eigenen Kommunikation genau die Zeichen, die der Bund für sich ausschliesst.
Ein gut dokumentiertes Beispiel ist die ZHAW. Sie führte 2022 einen «Leitfaden für einen inklusiven Sprachgebrauch» ein, verwendet in ihrer offiziellen Kommunikation und in ihren Reglementen den Doppelpunkt als Gender-Zeichen und betrachtet das generische Maskulinum als nicht erwünscht. Der Leitfaden ist für die offizielle Kommunikation der Hochschule verbindlich; in allen anderen Bereichen — also auch für Studierendenarbeiten — hat er den Charakter einer Empfehlung, und die Hochschule hat öffentlich festgehalten, dass er nicht notenrelevant sein soll.
Daraus lässt sich eine belastbare Erwartung ableiten: Ein Leitfaden deiner Hochschule ist ein Angebot und eine Orientierung. Ob er für deine Arbeit verbindlich ist, steht nicht im Leitfaden, sondern in deinem Studienreglement oder im Merkblatt zur Abschlussarbeit — dort, wo auch Umfang, Formatierung und Abgabemodalitäten geregelt sind. Diese Dokumente sind die einzige Quelle, die im Streitfall zählt — und sie sind fast immer kürzer als der Leitfaden.
Ebene 3: Institut, Betreuung, Modul — hier fällt die Entscheidung
Die praktisch verbindliche Ebene ist die kleinste. Frag im Betreuungsgespräch aktiv nach, statt zu raten — die Frage dauert dreissig Sekunden und erspart dir eine Korrekturschleife über 60 Seiten. Drei brauchbare Formulierungen:
- «Gibt es für Abschlussarbeiten am Institut eine Vorgabe zur geschlechtergerechten Sprache?»
- «Ist eine bestimmte Form erwünscht, oder soll ich nur konsistent bleiben?»
- «Würden Sie es akzeptieren, wenn ich meine Entscheidung in einer Fussnote im Vorwort begründe?»
Hältst du die Antwort schriftlich fest — in deinem Gesprächsprotokoll oder in einer kurzen Bestätigungsmail —, hast du im Zweifel einen Beleg.
Die vier Formen und was sie kosten
Paarform (Doppelnennung)
«Studentinnen und Studenten», «die Ärztin oder der Arzt». Vom Bund empfohlen, sprachlich unauffällig, in jeder Hochschulkultur akzeptiert. Nachteil: Sie verlängert den Text spürbar und wird in Aufzählungen schwerfällig. Praktikabel ist ein Mischbetrieb — Paarform an prominenten Stellen, neutrale Formulierungen im Fliesstext.
Geschlechtsneutrale Formulierungen
«die Studierenden», «die Lehrperson», «das Betreuungsteam», Umformulierungen ins Passiv oder in Relativsätze («wer eine Arbeit einreicht»). Das ist die eleganteste Variante, weil sie ohne Sonderzeichen auskommt und niemanden ausschliesst. Achte auf zwei Fallen: Partizipformen wie «Studierende» sind im Singular und in der Vergangenheit heikel («ein Studierender», «die Studierenden von 1990»), und ein durchgehend passiver Text verliert an Klarheit.
Typografische Zeichen: Stern, Doppelpunkt, Unterstrich
«Student*innen», «Student:innen», «Student_innen». Verbreitet an Hochschulen, vom Bund für seine eigenen Texte abgelehnt, in der amtlichen Rechtschreibung nicht als Standard verankert. Wenn du dich dafür entscheidest: eine Variante wählen und durchhalten, und im Vorwort kurz erwähnen, warum. Bedenke ausserdem die Vorlesefunktion — Screenreader behandeln die Zeichen unterschiedlich; der Doppelpunkt gilt hier gemeinhin als die verträglichere Variante.
Generisches Maskulinum mit Hinweis
Die klassische Fussnote «Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird die männliche Form verwendet; gemeint sind alle Geschlechter.» Formal zulässig, wo nichts anderes vorgeschrieben ist — aber an vielen Instituten inzwischen ausdrücklich unerwünscht, und in Fächern mit Gleichstellungsbezug ein vermeidbarer Angriffspunkt. Wenn du diesen Weg gehst, dann bewusst und mit dem Wissen, dass die Fussnote allein die Kritik nicht abwendet.

Was tatsächlich in die Bewertung einfliesst
Unabhängig davon, welche Form du wählst, sind es fast immer dieselben drei Punkte, die auffallen:
- Konsistenz. Ein Text, der auf Seite 12 «Studierende», auf Seite 30 «Student*innen» und auf Seite 45 «die Studenten» schreibt, wirkt unbearbeitet — und genau das ist die Botschaft, die ankommt.
- Lesbarkeit. Wenn die gewählte Form zu Bandwurmsätzen führt, hast du ein Stilproblem, kein Sprachpolitikproblem. Neutrale Formulierungen lösen das meist.
- Korrekte Grammatik. Sonderzeichen entbinden nicht von Kongruenz. «Ein*e Teilnehmer*in, der*die …» ist grammatisch korrekt aufwendig; wer die Endungen schludert, verliert mehr, als er gewinnt.
Praktischer Tipp für die Schlussphase: Prüfe deine Wahl mit der Suchfunktion — am besten im selben Durchgang wie die übrigen Formalien, für die sich eine Korrekturcheckliste lohnt. Suche nach «Student», «Teilnehmer», «Autor» und den entsprechenden Endungen, und arbeite die Trefferliste einmal komplett durch. Das ist zuverlässiger als jedes Durchlesen — und es passt gut in dieselbe Runde wie die Prüfung der Schweizer Rechtschreibkonventionen, bei der du ohnehin systematisch durch den Text gehst.
Die technische Umsetzung: vier Handgriffe in Word
Die Entscheidung ist das eine, die saubere Umsetzung über 60 Seiten das andere. Vier Dinge sparen dabei am meisten Zeit.
- Suchen und Ersetzen mit Bedacht. Ein globales Ersetzen von «Student» durch «Studierende» zerstört zusammengesetzte Wörter («Studentenwerk») und Zitate. Arbeite die Trefferliste einzeln durch statt mit «Alle ersetzen».
- Autokorrektur zähmen. Word wandelt Sonderzeichen in Wortmitte gelegentlich um oder setzt automatische Grossschreibung nach einem Doppelpunkt. Prüfe nach dem ersten Kapitel eine Handvoll Stellen.
- Silbentrennung prüfen. Formen mit Sonderzeichen werden am Zeilenende manchmal unschön getrennt. Im Blocksatz fällt das besonders auf.
- Vorlagen aus dem Institut zuerst anschauen. Wenn dein Institut eine Dokumentvorlage bereitstellt, verrät deren Beispieltext oft mehr über die erwartete Praxis als jedes Merkblatt.
Und ein Hinweis zur Stilebene: Eine geschlechtergerechte Formulierung ersetzt keinen klaren Satzbau. Wenn ein Absatz nach der Umstellung schwerer lesbar ist als vorher, liegt das fast nie am Gendern, sondern an einer Konstruktion, die schon vorher zu verschachtelt war — die Grundregeln dazu stehen im Beitrag zum wissenschaftlichen Schreiben.
Direkte Zitate und Fachbegriffe
Zwei Stellen sind ausgenommen und werden regelmässig falsch behandelt.
Wörtliche Zitate werden nie angepasst. Wenn deine Quelle «die Lehrer» schreibt, zitierst du «die Lehrer» — auch wenn dein eigener Text gendert. Eine stillschweigende Änderung im Zitat ist ein Zitierfehler, kein sprachlicher Fortschritt. Willst du auf die Diskrepanz hinweisen, geht das über eine Anmerkung in eckigen Klammern.
Etablierte Fachbegriffe und Rechtsbegriffe bleiben ebenfalls unangetastet: «der Gesetzgeber», «der Arbeitnehmerschutz», Bezeichnungen aus Gesetzestexten und Normen. Hier gilt der Begriff, nicht die Person.
Häufige Fragen
Kann mir die Sprachform Punkte kosten?
Wenn eine Vorgabe existiert und du sie ignorierst: ja, wie bei jeder anderen Formvorgabe. Wo es nur eine Empfehlung gibt, sollte die Wahl selbst nicht notenrelevant sein — die ZHAW hat das für ihren Leitfaden ausdrücklich so festgehalten. Inkonsequenz und schlechte Lesbarkeit können dagegen immer in die Sprachbewertung einfliessen.
Was gilt, wenn ich auf Englisch oder Französisch schreibe?
Andere Sprache, andere Konventionen. Im Englischen ist singular «they» heute weitgehend akzeptiert und in mehreren grossen Stilhandbüchern vorgesehen. Im Französischen ist die Lage anders als im Deutschen — die Empfehlungen des Bundes fallen dort nicht gleich aus. Orientiere dich am Stilhandbuch deines Fachs in der jeweiligen Sprache, nicht an einer Übersetzung deiner deutschen Lösung.
Muss ich die Entscheidung begründen?
Müssen: nein. Sinnvoll: ja, in ein bis zwei Sätzen im Vorwort oder in einer Fussnote auf der ersten Textseite. Damit signalisierst du, dass es eine Entscheidung war und kein Zufall.
Gilt das Gendern auch für Grafiken, Tabellen und den Anhang?
Ja — Abbildungsbeschriftungen, Achsenbeschriftungen, Fragebogenitems im Anhang und das Abkürzungsverzeichnis gehören zum Text. Sie werden beim Durchgang am häufigsten vergessen.
Was mache ich mit meinem eigenen Fragebogen?
Dort zählt eine zusätzliche Überlegung: Die Antwortoptionen zum Geschlecht sind eine inhaltliche Entscheidung, keine sprachliche. Wenn du eine offene oder dritte Option anbietest, plane vorab, wie du mit sehr kleinen Fallzahlen in dieser Gruppe umgehst — sie sind statistisch nicht auswertbar und datenschutzrechtlich heikel. Das gehört in den Methodenteil, nicht in eine Fussnote.
Die Kurzfassung
Es gibt keine schweizweite Regel für Abschlussarbeiten. Der Bund hat eine Weisung, die nur für seine eigenen Texte gilt; Hochschulen haben Leitfäden, die meist Empfehlungen sind; verbindlich ist, was in deinem Studienreglement oder von deiner Betreuung kommt. Frag nach, entscheide dich, halte es durch, lass Zitate unangetastet — und prüfe die Umsetzung am Ende einmal systematisch mit der Suchfunktion.
Wenn du beim Durchgang durch den fertigen Text ohnehin Unterstützung brauchst: Tesify begleitet dich Kapitel für Kapitel durch die Abschlussarbeit — von der Struktur bis zur konsistenten Sprache über alle Kapitel hinweg.
